Vor zwei Jahren wagte der Deutsche Städte- und Gemeindebund einen Vorstoß, der im Westen der Republik sein Echo in Leserbriefspalten fand.  Der Hauptgeschäftsführer des Bundes wünschte sich eine Lockerung der Feiertagsgesetze  „mit Blick auf die Tanzverbote am Karfreitag“.  Wegen seiner Bedeutung als Gedenktag für die Kreuzigung Christi gilt er als „stiller Feiertag“ wie  Totensonntag und Volkstrauertag. In Berlin aber scheint, nach Blick in die Veranstaltungskalender, der Karfreitag ein für Partys bevorzugter Tag zu sein. 

Vor drei Jahren beschäftigte sich gar das Bundesverfassungsgericht mit dem Karfreitag. Geklagt hatte der Bund für Geistesfreiheit München. Der litt noch unter dem in seiner Heimat erteilten Verbot seiner Veranstaltung „Heidenspaß statt Höllenqual – religionsfreie Zone München 2007“. Die Richter mussten Feiertagsruhe,  Versammlungs- und Religionsfreiheit abwägen. In der Begründung findet sich ein Hinweis auf den „Wandel in der Gesellschaft“, den der Gesetzgeber beachten müsse, auf das nachgewachsene  „ausgehfreudige Publikum“, was „die gesamten Regelungen zum Schutz der stillen Tage infrage stelle.“

Die schönste Silbe im Wort Karfreitag

Die Regelungen im Einzelnen sind Ländersache, entstanden in den 50er-Jahren der Bundesrepublik, wurden sie nach der Vereinigung im Osten modifiziert übernommen. Auch in Mecklenburg-Vorpommern sind offiziell Tanzveranstaltungen karfreitags untersagt. In der Berliner Verordnung über den Schutz der Sonn- und Feiertage aus dem Jahr 2004 wurde  das Verbot  öffentlicher Tanzveranstaltungen  und „musikalischer Darbietungen jeder Art“ in Räumen mit Schankbetrieb erneut festgeschrieben. Aber es hält sich keiner dran und nichts passiert. Der Wandel in der Gesellschaft vollzieht sich im eher protestantisch und atheistisch veranlagten Norden und Osten der Republik offenbar außerhalb des Ehrgeizes der Ordnungsprüfer.

Für viele  ist die schönste Silbe in dem Wort Karfreitag ohnehin die zweite: Sie lässt das Wochenende früher beginnen. Man muss am arbeitsfreien Tag nicht unbedingt tanzen. Man kann auch ins Kino gehen. In Berlin läuft zum Beispiel Jordan Peels Thriller „Wir“, in dem zwei Paare mit ihren brutalen Doppelgängern konfrontiert werden. Mindestens ebenso blutig ist Fatih Akins Film „Der goldene Handschuh“, in dem ein Serienmörder betrunkene Frauen schlachtet. Es läuft auch die Atemaussetzer-gruselige Neuverfilmung von Stephen Kings „Friedhof der Kuscheltiere“. 

Strenge Filmverbotsliste aus den 50er-Jahren

Dabei haben auch dieses Jahr wieder findige Kollegen die Aufstellung ausgegraben, auf der für Karfreitag verbotene Filme vermerkt sind. Und sie haben sich amüsiert. Mehr als 700 Titel verzeichnet die Liste, darunter Klassiker wie „Die Rocky Horror Picture Show“, harmlose wie  „Didi Hallervorden – alles im Eimer“ und  etliche, deren protzige Titel allein abstoßend wirken, etwa „Blutrausch der Zombies“.  Die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) wird allerdings immer zurückhaltender. Ihr Geschäftsführer Stefan Linz sagt am Telefon, dass von 549 im Jahr 2018 geprüften Filmen nur einer keine Feiertagsfreigabe erhielt – „The Strangers: Opfernacht“. In den 50er-, 60er- und 70er-Jahren betraf es noch die Hälfte der jährlichen Filmproduktion.

Das Verbot gilt ohnehin nur für die öffentliche Vorführung im Kino. Nicht nur das private Streamen und DVD-Einlegen ist jedem freigestellt, auch die Fernsehsender dürfen zeigen, was sie wollen. 

Wie war das mit den Sonntagsbrötchen?

Im Kölner Stadtanzeiger schrieb eine Leserin wie folgt gegen die Lockerung der stillen Regel: „Alle, die mit dem ursprünglichen Grund dieses hohen christlichen Feiertags, des Karfreitag, nichts am Hut haben, sollten sich darüber im Klaren sein, dass sie dadurch unverdienterweise in den Genuss eines freien Tages kommen, auf den sie eigentlich gar keinen Anspruch hätten und somit auch keinen Anspruch auf ansonsten übliche Freizeitgestaltung haben.“  In Köln, Nürnberg und München  bleiben auch die Theater   am Karfreitag geschlossen. Aber Dresdner, Bremer und Bochumer können den Abend so munter verbringen wie die Berliner.

So ist das mit dem Wandel der Gesellschaft. Vom einstmals heiligen Sonntagsbackverbot redet ja heute  niemand mehr. Obwohl: Gibt es Karfreitag eigentlich frische Brötchen?