Zuletzt sahen wir ihn inmitten seiner Getreuen, die ihn in seiner Volksbühne feierten. Volle Küche in Bert Neumanns Bühnenbild. Tränen, Jubel, Zorn, Rausch. Es war die letzte Vorstellung seiner 25-jährigen Intendanz, Frank Castorf ließ sich ins Ohr trompeten, lachte, schielte, umarmte und litt. Das war vor dem Sommer. Jetzt ist November. Und Castorf sitzt mit ausgestellter Anstelligkeit im Erfrischungsraum des Berliner Ensembles und gibt ein überaus gesittetes Pressegespräch.

Was irgendwie eine absonderliche Vorstellung war, ist nun wahr. Castorf inszeniert im BE, im Auftrag des neuen Intendanten Oliver Reese, der ihm auch das Stück vorgeschlagen hat: Victor Hugos „Die Elenden“ − natürlich nicht in der Hollywood-Version, sondern den ganzen 1700-Seiten-Schinken.

Was Oliver erlaubt

Guter Vorschlag, das passt zu Castorfs Interesse für die französische Revolution, und Heiner Müllers „Auftrag“ kann er auch wieder einbauen. Außerdem kontrastiert Hugo ganz gut mit Dostojewski, den er auch weiterhin inszenieren wird, demnächst den „Jüngling“ mit schlappen 800 Seiten.

Castorf kommt schnell ins monologisieren, lässt seine Gedanken wandern, immer mit einen spöttischen Seitenblick auf die versammelten Journalisten, die zuerst wissen wollen, wie lang der Abend wird. Das ist zu einem so frühen Zeitpunkt eine absolut abwegige Frage, oder?

„Mehr als sechseinhalb Stunden hat mir Oliver nicht erlaubt, das gehe gewerkschaftlich nicht“, sagt er und legt seinen gesamten gegenwartskritischen Widerwillen in die Stimme, auch wieder ironisch gebrochen natürlich. Er wisse noch nicht, ob er sich botmäßig zeigen werde. Überhaupt die Tatsache, dass er ein Pressegespräch gibt, deutet immerhin auf eine gewisse Kooperationsfreude hin.

Schweres Schicksal

Sein Schicksal, das ihn nun wieder zu einem Auftragskünstler mache, gleichsam zu einem arbeits- und obdachlosen jüdischen Onkel, der sich bei der Familie durchschnorren müsse, nimmt er mit tapferer Koketterie hin. Es erinnere ihn an die nicht minder tapferen DDR-Zeiten. Er sei nun einmal kein Rimbaud, der sich in jungen Jahren künstlerisch verbrannt habe, dann nach Afrika gegangen sei, um als Waffenhändler zu sterben − ohne je wieder eine Zeile zu schreiben. Das waren noch Künstlerbiografien!

Was war noch? Ach ja, der neue Volksbühnen-Intendant, bei dem Thema wird er sogar laut. Man habe „die moralische Pflicht“, etwas Neues anzufangen, statt zu jammern, dass man nichts von seinem Vorgänger übernehmen dürfe. Er, also Castorf, habe 1992 kein einziges Stück übernommen.

„Macht Spaß hier“

So war das nämlich. Und die Berliner Kulturpolitik bekommt auch ihr Fett weg. Die Journaille, die solche Skandale einfach schlucke, auch. Aber schon ist er wieder ermattet, atmet durch, findet zu seiner leicht aasigen Freundlichkeit zurück und sagt: „Macht Spaß hier“.

Er meint nicht nur das Gemecker, sondern auch die Arbeit am BE, das so schön klein sei. Er sehe sehr gern in die Gesichter seiner Schauspieler. Klar wurde: Um Castorf muss man sich keine Sorgen machen. Um Berlin schon.