Emilia Bernsdorf spielt Tochter Emily.
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„Wir leben in Zeiten, in denen wir nicht mehr wissen, wer der Feind ist!“ Nicht nur der CIA-Mann (Pierre Shrady) aus dem amerikanischen Konsulat, der mit der Operation „Scribble“ (Gekrakel) Verdächtige online überwacht, sucht nach einer Orientierung. Der „Tatort: Funkstille“ aus Hessen passt in die aktuelle, sehr widersprüchliche Nachrichtenlage. Bei den Dramen um Alexej Nawalny und Julian Assange wird intensiv die Rolle der Geheimdienste diskutiert und danach gefragt, wer hier eigentlich der Feind sei.

Der Spionage-Thriller aus Frankfurt am Main kommt als Familiendrama daher: Tochter Emily (Emilia Bernsdorf) begehrt gegen ihre Eltern (Tessa Mittelstaedt und Kai Scheve) auf. Die friedensbewegte 17-Jährige, die in der Schule eine US-Fahne verbrannt hat, erfährt, dass Mutter wie Vater ausgerechnet für die CIA arbeiten und unter falscher Identität leben.

Der Zuschauer weiß von Beginn an noch etwas mehr: Die Eltern empfangen im Keller mittels eines Kurzwellensenders Botschaften auf Russisch. Nun wird der 19-jährige Nachbarssohn, der in der Familie ein und aus ging, erschlagen aufgefunden – und die Kommissare Janneke und Brix (Margarita Broich und Wolfram Koch als gut eingespieltes Duo) müssen annehmen, dass die Geheimdienste darin verwickelt sind. Zwar gehen sie auf eine spöttische Distanz zu all den Agentenspielchen. Brix nennt einen Mann, der Emily auf täppische Weise verfolgt hatte und von ihm gestellt wird, einen „Möchtegern-James-Bond“. Doch zugleich müssen sie in die modernen Kommunikationstechniken eingeführt werden: Vom Assistenten Jonas (Isaak Dentler) erfahren sie, dass moderne Fernseher mithören können und man sie besser vom Stromnetz trennen sollte, wenn man miteinander reden will.

Regisseur Stanislaw Mucha, bislang vor allem mit ausgezeichneten Dokumentarfilmen aufgefallen, zitiert in seinem „Tatort“-Debüt immer wieder den klassischen Agentenfilm: Der CIA-Mann Weaver sieht aus wie ein Abgesandter aus den 50er-Jahren. Das Spiel mit falschen Identitäten wird vor allem durch Tessa Mittelsteadt getragen, die ja 13 Jahre lang im Kölner „Tatort“ aufseiten der Ermittler zu sehen war und hier die arrogant-gefühlskalte Ami-Zicke spielt. Doch für einen echten Agenten-Thriller bleibt das alles nicht zwingend oder überraschend genug. Eher überzeugt „Funkstille“ als Jugenddrama um die 17-jährige Emily: Emilia Bernsdorf spielt überzeugend ein Mädchen, in dessen Leben nichts mehr bleibt wie es war. Eine besondere Vergangenheit besitzt auch der Schauplatz: die bizarre Familien-Villa mit den schmiedeeisernen Toren, halb modern, halb mittelalterlich dekoriert. Hier lebte mal die Bestsellerautorin Nele Neuhaus und schrieb ihre ersten Taunus-Krimis.

Tatort: Funkstille – So, 13.9., 20.15 Uhr, ARD