Köln - Den „Tatort“ aus Köln, den habe sie früher immer gern geguckt, erfuhr Regisseurin Nina Wolfrum von einer obdachlosen Frau, die sie für Recherchen und dokumentarische Aufnahmen angesprochen hatte. Erinnerungen an ein geregeltes Leben mit einem festen Ritual sonntags um viertel neun.

Die Obdachlosen im „Tatort: Wie alle anderen auch“ aber werden selbstverständlich von Schauspielern verkörpert. Vernünftigerweise wurden Darsteller ausgewählt, die nicht jeder sofort als Schauspieler erkennt. Etwa Ricarda Seifried. Sie spielt eine junge Frau, die den Film eröffnet: „Ich heiße Ella, ich habe einen Job, eine Wohnung, einen Mann. Jetzt wird alles gut. Daran habe ich wirklich geglaubt.“

Kurz darauf kämpft sie in einer albtraumartigen Szene gegen ihren brutalen Gatten, schlägt ihn nieder und flüchtet, alle Habseligkeiten in eine Sporttasche gestopft. Als sie in Köln umherirrt, findet sie eine ältere Beschützerin (Rike Eckermann), die sie in die rauen Sitten auf der Straße einweiht. Kurz darauf sieht sie, wie diese Frau nachts in ihrem Schlafsack verbrennt. Sie wählt den Notruf, versteckt sich aber vor der Polizei, weil sie glaubt, sie hätte ihren Mann erschlagen.

Für die, die sonntags nicht mehr den „Tatort“ sehen können

Erst nach einer guten Viertelstunde betreten die Kommissare Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Schenk (Dietmar Bär) den Schauplatz. Den beiden altgedienten Kölnern haftet ja der Ruf an, sie würden gern die sozialen Missstände beklagen. Doch diesmal geben sie sich betont sachlich. Den empathischen Part übernimmt der junge Kollege Jütte (Roland Riebeling). Der befragt eine Krankenpflegerin, die ihre Wohnung verloren hat, aber niemanden verrät, dass sie in ihrem Auto campiert. Diese von Jana Julia Roth berührend gespielte Frau steht ebenso wie die geflüchtete Ella exemplarisch für jene, die ihre Obdachlosigkeit verstecken, nicht dem Klischeebild der „Pennerin“ entsprechen.

Ella kriecht notgedrungen bei einem jungen Kellner unter und damit ins nächste Drama: Denn der vereinsamte Kerl (Nikolas Kohrt) weiß nicht, wie er mit der zugelaufenen Frau umgehen soll, schwankt zwischen Abwehr und Zudringlichkeit. Dieses Kammerspiel in der engen Kellerwohnung ist spannender als die eigentliche Krimihandlung, die nur etwas verzwickter wird, als sich herausstellt, dass die verbrannte Frau zuvor an der Überdosis eines Schmerzmittels gestorben war. Der Krimi verkitscht nicht das Leben auf der Platte, zeigt vielmehr die Aggressionen zwischen den Abgestürzten. Zum Schluss präsentiert Regisseurin Wolfrum ihre Bilder von den echten Kölner Obdachlosen: Keine Vorführung, eher eine Widmung, fast eine Hommage an die, die sonntags nicht mehr den „Tatort“ sehen können.

Tatort: Wie alle anderen auch“ – So, 21.3., 20.15 Uhr, ARD