Die letzte Schlacht

Den neuen Hamburg-Tatort „Die goldene Zeit“ setzt Mia Spengler, Regisseurin der Netflix-Serie „How To Sell Drugs Online (Fast)“, stimmig in Szene.

Berlin-Diese Blonde sei viel zu schade für den Puff, sie passe eher in den Escort-Service – so wird Kommissarin Julia Grosz (Franziska Weisz) vom dementen Kiez-König Egon Pohl (Christian Redl) begutachtet. Kollege Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) dagegen wird in einem Hostel von kreischenden Mädchen für den bestellten Stripper gehalten – herzlich willkommen auf Sankt Pauli, der wohl beliebtesten Krimikulisse überhaupt. 

Gefährlicher Auftrag: Matei (Bogdan Iancu (l.)) und   Lübke (Michael Thomas).
Gefährlicher Auftrag: Matei (Bogdan Iancu (l.)) und Lübke (Michael Thomas).

Ob Dieter Wedels „König von St. Pauli“ auf Sat.1, ob Lars Beckers düstere „Nachtschicht“-Thriller im ZDF oder das heitere „Großstadtrevier“ der ARD – sie alle tummeln sich gern im Milieu. Auch Nick Tschiller (Til Schweiger) war dort schon für den „Tatort“ unterwegs. Eigentlich ist das sein Revier.

Verschüttete Vatergefühle

Der Fall „Die goldene Zeit“ spielt mit einer vertrauten Konstellation: Hier die alteingesessenen Kiezpaten, dort die aufstrebenden, aggressiveren „Albaner“-Clans. Die „Albaner“ sind auch gleich verdächtig, als der Sohn des Kiezkönigs von einem jungen rumänischen Auftragsmörder (stark: Bogdan Iancu) erstochen wird, der vom Blutlohn einen Fernseher für seinen Vater in Bukarest kaufen will. Ins Zentrum der Ermittlungen rückt Pohls einstiger Sicherheitschef Lübke, der sich den flüchtigen Burschen greift. Einst war er der Lehrmeister von Falke, als der noch als Türsteher im Kiez jobbte und sich mit seinen Kumpels Schnaps in die Milch kippte.

Michael Thomas gibt dem Mann, der bei sich verschüttete Vatergefühle entdeckt und dann in seine letzte Schlacht zieht, eine beeindruckende Präsenz. Das Drehbuch von Georg Lippert bedient die üblichen Klischees von den Huren mit Herz, die heute unter prekären Umständen gerade so über die Runden kommen, und von den Luden, die im Grunde gar keine schlechten Kerle waren. Verglichen mit heute. In der Kneipe stirbt „Conny Kramer“ in Endlosschleife. Größere Überraschungen gibt es nicht, die spannendste Frage bleibt noch, wie eigentlich Falke damals den Absprung aus dem Milieu in den Polizeidienst geschafft hat.

Allerdings wird die Geschichte von der Regisseurin Mia Spengler, die mit der Netflix-Serie „How To Sell Drugs Online (Fast)“ aufgefallen war, sehr stimmig in Szene gesetzt. Die Filmemacherin, die selbst einige Jahre auf dem Kiez gewohnt hat, zog während der Dreharbeiten an den Abenden mit ihrem Team durch St. Pauli – fing mit der Handkamera den falschen Glitzer und den Ansturm der Sauf- und Feiertouristen halbdokumentarisch ein. Golden hat hier noch nie etwas geglänzt. Heute ist St. Pauli ein Mix aus Neonlicht, Herumgegröle und Partytourismus. Jeder Anrainer eines Berliner Easyjet-Kiezes kennt das mittlerweile auch.

Tatort – „Die goldene Zeit“
So., 20.15 Uhr, ARD