An Klara Blum, ihre „Tatort“-Kommissarin, denkt Eva Mattes als Gorilla. Sie hat mal einem gegenübergestanden – natürlich mit Panzerglas dazwischen! – und dem riesigen Tier direkt in die Augen geschaut, obwohl man das ja nicht tun soll. Lange haben sie sich unverwandt angeschaut. Eine große Mutprobe auf der einen Seite, eine kleine Provokation auf der anderen. Dann irgendwann hob der Gorilla unendlich langsam seinen Arm, hielt kurz inne, ließ ihn einfach wieder fallen. Der Rumms brachte das Glas in Schwingung: Ein eindrucksvolles Donnerwetter. Dann drehte sich der Gorilla um und ließ Eva Mattes einfach stehen.

Eva Mattes ist Schauspielerin seit Kindertagen. Natürlich weiß sie um die Wirkung ihrer Geschichte, die sie zwar mit ausladener Geste, aber ohne den Rumms auf den Restauranttisch erzählt. Es wirkt auch so. Unweigerlich fällt einem wieder ein, wie sich Klara Blum vor zehn Jahren in ihrem ersten „Tatort“ über ihren sterbenden Ehemann beugte und mit Blick auf den Mörder nur leise flüsterte: „Ich bring dich um.“

In der Weichheit liegt Ihre Härte. Auf diesen Satz könnte man die Figur der Konstanzer Ermittlerin am ehesten festlegen. „Klara Blum mag keine Waffen“, sagt Eva Mattes, und der nächste Satz kommt wie aus der Pistole geschossen: „Aber wenn sie schießt, dann trifft sie auch!“ Nur schießt sie eben praktisch nie.

Dass wilde Schusswechsel in den letzten Jahren nicht unbedingt zum Unterhaltungsversprechen des Bodensee-„Tatorts“ gehörten, hat mit einer heftigen Knallphobie seiner Hauptdarstellerin zu tun. Gewitterdonner, Sylvesterfeuerwerk, Pistolenschüsse: Eva Mattes hat mit alldem ein ernstliches Problem, das bisher nicht einmal eine Psychotherapie lindern konnte. Wenn es „peng“ macht, kämpft sie mit Panikattacken – beim Interview, auf der Bühne, beim Dreh. Deshalb wird beim Mattes-„Tatort“ nicht wie sonst üblich mit Platzpatronen gedreht. Wenn im Film unbedingt geschossen werden muss, ruft der Regisseur ein zuvor ausgemachtes Codewort. Auf das Stichwort „Butterblume“ gehen alle telegen in Deckung. Denn schon das Wort „Schuss“ ließ Eva Mattes zuletzt in eine Panik verfallen, die nicht im Drehbuch stand.

Sie hat damals schon einen Moment lang überlegt, als der SWR fragte, ob sie die Klara Blum und damit ein „Tatort“-Gesicht werden wolle. Als das Gesicht des „Neuen Deutschen Films“ war Eva Mattes schon seit Jahrzehnten bekannt, nun wird sie auf der Straße erkannt. „Das hat auch Vorteile“, findet sie. „Die Leute, die sonntags die Klara Blum sehen, kommen nun anderentags zu meinen Liederabenden.“ Sie kaufen auch ihre Autobiografie „Wir können nicht alle Berta sein“ und gehen in Hamburg ins Theater, wo Mattes gemeinsam mit Angela Winkler in „Arsen und Spitzenhäubchen“ auf der Bühne steht. Wenn die Presse sich dann schon mal wundert, dass die Grandes Dames des Autorenkinos sich für eine Boulevardkomödie nicht zu schade sind, korrigiert Eva Mattes den Dünkel des Interviewers mit dem Hinweis, dass natürlich auch Situationskomik nur durch Genauigkeit im Spiel entstehen könne. „So haben wir aber immer gearbeitet“, sagt sie dann, „auch mit Peter Zadek“.

Fassbinder, Herzog, Zadek – Eva Mattes kann Namen fallen lassen wie der Gorilla seinen Arm. Die Tochter einer ungarischen UFA-Schauspielerin und eines Wiener Dirigenten steht seit ihrem zwölften Lebensjahr auf der Bühne. Sie hat in den folgenden vierzig Jahren zahllose Film- und Theaterrollen gespielt, und es waren in jedem Jahrzehnt ein paar darunter, die bedeutend blieben: 1970 war sie Phan Ti Mao im Anti-Vietnamkriegsfilm „K.O.“ von Michael Verhoeven. Er löste auf der Berlinale eine Kontroverse aus, in deren Folge die Festspiele abgebrochen wurden.

In Fassbinders „Wildwechsel“ war sie die 14-jährige Hanni, deren Liebhaber wegen Verführung von Minderjährigen ins Gefängnis muss, in „Deutschland, bleiche Mutter“ die Lena. An der Berliner Volksbühne feierte sie 1981 in Zadeks Inszenierung von „Der Widerspenstigen Zähmung“ Erfolge, in „Der blaue Engel“ löste sie in den 90ern am Theater des Westens Ute Lemper ab. Wenig später saß sie im Direktorium des BE, zu dessen Ensemble Mattes auch noch nach Zadeks Weggang lange gehörte. Dieser Tage spielt sie Schnitzler in München und zweimal im Jahr den „Tatort“, sie war die deutsche Stimme von Pippi Langstrumpf und ist die Frau Rotkohl in den Kinderkinofilmen „Das Sams“. Rumms. Abgang.

Lieber als über die vielen zurückliegenden Erfolge spricht Eva Mattes von den aktuellen Herausforderungen. Zum Beispiel ob und wie in der aktuellen „Tatort“-Folge „Nachtkrapp“ die entscheidende Szene funktioniert, in der die Blum allein mit der Kraft ihrer Stimme ihren Entführer zur Einsicht bringen will. Sie zetert und schreit, lässt ihre Stimme leicht ins Hysterische kippen – überwiegend ist sie in dieser Schlüsselszene nur aus dem Off zu hören. Der emotionale Ausbruch ist ein lauter Rumms.

Aber schon im nächsten Bild ist Klara Blum wieder ganz bei sich. Stark auch im Moment größter Schwäche ruft sie bestimmt: „Lassen Sie mich raus! Ich muss den Mörder finden!“ Ein Gorilla eben. Aber einer mit einem ausgesprochen geschmeidigen Gang.

Tatort: Nachtkrapp, So., 20.15 Uhr, ARD