Man muss schon zweimal hingucken, anhalten, innehalten. Sie wirken still, verhalten – aber sie prägen sich einem ein, diese nur pflastersteingroßen, aus Messing geformten „Stolpersteine“, wie der 1947 in Berlin geborene, in Köln lebende Künstler Gunter Demnig sie seit Jahren in deutschen Städten, vor Haustüren verlegt – oder mittlerweile von Mitstreitern seiner wirkmächtigen Aktion verlegen lässt. Da, wo Hausgemeinschaften oder alte und neue Kiezbewohner die knapp 100 Euro zusammenlegen, um zu erinnern: An einen toten Menschen aus ihrer Nachbarschaft, Jude, Christ, Kommunist – Nazigegner – deportiert, umgebracht von denen, die die Welt erobern wollten.

„Wer den Namen des Opfers lesen will, muss sich herunterbeugen. In diesem Moment verbeugt er sich vor ihm.“ Das ist die Absicht des geschichtsbewussten Bildhauers Demnig, seiner Freunde und all derer, die so einen Stein bestellen und verlegen lassen. Und so gibt es inzwischen mehr als 40000 „Stolpersteine“ in 820 deutschen und 200 ausländischen Städten für diejenigen Menschen, die in der Zeit des Nationalsozialismus deportiert wurden und dem Holocaust zum Opfer fielen. In die Oberfläche eines solchen Steines werden Name und Daten des Toten graviert. Dann kommt er ins Pflaster vor dessen einstigem Haus oder da, wo es einmal stand. Die stille, andächtige Aktion wuchs sich mittlerweile zum weltweit größten dezentralen Holocaust-Mahnmal aus.

Auch in den Berlin-Charlottenburger Güntzelstraße 19/20, wo die Schauspielerin Margarita Broich wohnt, liegt vor dem Hauseingang ein solcher Stolperstein. Er erinnert an die 1943 nach Theresienstadt deportierte und dort ermordete Selma Jacobi. Broich, den Stein täglich gewahr werdend, beschloss, sich als neue Kommissarin im Hessen-Tatort nach dieser Jüdin zu benennen. Auf diese Weise verstärkt sie das Erinnern an Jacobi und ihr entsetzliches Schicksal und macht den Namen durch ihre TV-Rolle, in der sie Verbrechen bekämpft, einem Millionenpublikum bekannt.

Demnig und die Jüdische Gemeinde Berlin sind empört, ja, geradezu außer sich; finden es anmaßend, unschicklich und – wenn auch gut gemeint – voll daneben.

Der Stolperstein wirkt. Freilich anders, als von seinem Erfinder gedacht, der nun über seine eigene Absicht stolpert. Demnig wünschte sich Kontemplation, Trauer, Mahnung, Einsicht in deutsche Schuld und Sühne. Aber es gibt kein zu verordnendes Erfolgsrezept der Erinnerung, sie sucht sich viele Wege, manchmal auch abwegige.