Vanessa (Lena Urzendowsky) und Leon (Michelangelo Fortuzzi)
 
Foto: SWR/Jacqueline Krause-Burberg

BerlinDer Stadtteil Oggersheim in Ludwigshafen ist vor allem als Wohnsitz von Helmut Kohl bekannt. Es darf allerdings ausgeschlossen werden, dass der Saumagen-Kanzler sein Feierabendbier jemals bei „Hanne&Hans“ genommen hätte. Für die, die dort verkehren, ist die Westernkneipe in der Plattenbausiedlung am Rand von Ludwigshafen die zweite Heimat. Oder auch die erste. Eines Morgens knallt ein Schuss. Hans Schilling, der sich  hier als Sheriff verstand, hat ein Loch in der Stirn. Und weil der junge Samir (Mohamed Issa), der ihn schon tot gefunden haben will, zehn Minuten brauchte, um die Polizei zu alarmieren, gerät er unter Verdacht.

Nach dem Betriebsausflug anlässlich des 30-jährigen Dienstjubiläums von Lena Odenthal geht es für sie und ihre Kollegin Johanna Stern wieder zurück in die Kernzone der sozialen Verwerfungen. Die Episode „Leonessa“ von Wolfgang Stauch (Buch) und Conny Walther (Regie) zieht sich, abgesehen von den Szenen auf dem Kommissariat, vollständig auf den Mikrokosmos des Wohnblocks zurück. Leonessa heißt so viel wie Leon und Vanessa, „Brangelina für Arme“, wie die verwitwete Wirtin Hanne Schiller die beiden Polizistinnen aufklärt.

Keine leichte Kost

Und neben den beiden solcherart verbandelten Kindern gäbe es dann eben noch Samir, den Sohn palästinensischer Migranten, „das dritte Rad am Wagen“. Bald wird klar, dass sich Vanessa (Lena Urzendowsky) und Leon (Michelangelo Fortuzzi) im Parkhaus prostituieren und Samir, der Vanessa gern beschützen würde, damit nicht klarkommt. Sex mit Minderjährigen ist denn auch das zentrale juristische Motiv dieses „Tatorts“, das in Person eines Freiers durchdekliniert wird. Aber hat der wirklich was mit dem Mord zu tun? Eher nicht.  

Die Ermittlungen der beiden Kommissarinnen, die mal wieder ihre Temperamente ausleben dürfen (kulminierend im Wurf eines angebissenen Apfels), konzentrieren sich auf die drei Jugendlichen und ihre jeweiligen Familien. Was man so Familien nennt. Samir versucht sich vom Einfluss seines älteren Bruders zu befreien, der schon eine kleine kriminelle Karriere hat und auch eine Pistole besitzt. Als Vanessas Eltern erfahren, woher ihre Tochter das Geld für ihre teuren Klamotten bezieht, zucken sie nur mit den Schultern: „Sie geht aufn Strich, meinen sie? Is halt so.“

Leons Mutter wiederum „ist eine Frau Doktor“, wie die Sekretärin Frau Keller im Kommissariat erklärt, „für Literatur zwar, aber immerhin.“ Vor allem ist sie eine schwere Alkoholikerin, von Karoline Eichhorn mit brutaler Härte gegen sich selbst gespielt. In ihren Bemühungen, die jungen Seelen zu retten, stoßen die Polizistinnen an ihre Grenzen. „Das kann man reparieren“, sagt Johanna Stern zu Vanessa. Falls das nicht längst zu spät ist. Kein leichter Stoff.
Tatort – Leonissa So., 2015 Uhr, ARD