Berlin/Wien - Mehr als 8,6 Millionen Zuschauer:innen hatten am Sonntag den Tatort aus Wien eingeschaltet, Marktanteil knapp 25 Prozent, deutlich mehr als Angela Merkel in der nachfolgenden Fragerunde mit Anne Will erreichte. Auch in Lockdown-Zeiten bleibt der Sonntags-Krimi der ARD eine einflussreiche Institution.

Unter Tausenden Kommentaren auf der Tatort-Facebook-Seite hinterfragten nur wenige, wem das fiktive Wiener Ermittlerpaar Moritz Eisner und Bibi Felner hinterherjagte: Einem Prostituiertenmörder und Kindesentführer in Frauenkleidern, drogenabhängig und psychisch gestört. Den populären Archetypen eines psychisch kranken Crossdressers und Mörders hatte Alfred Hitchcock 1960 mit dem Oscar-gekrönten „Psycho“ geschaffen. 2020 veröffentlichte J.K. Rowling unter ihrem Pseudonym Robert Galbraith den Krimi „Böses Blut“ – einer der Verdächtigen: ein Mann, der in Frauenkleider schlüpft – um seine Verbrechen zu begehen? Rowling-Fans entgegneten dem Vorwurf, die Bestseller-Autorin verbreite transfeindliche Stereotypen mit dem Hinweis, es handle sich bei der Travestie des mutmaßlichen Täters um ein Täuschungsmanöver.

Mit dieser Argumentation könnte man die umstrittene Tatort-Folge „Die Amme“ rechtfertigen: Der Täter täuscht die Polizei und das Kind seines Opfers, indem er in die Rolle einer vermeintlich fürsorglichen Mutter schlüpft. Doch genau das will die Deutsche Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität (dgti) ARD, ORF und degeto, den Produzenten der Tatort-Serie, nicht durchgehen lassen. Diesen wirft die dgti vor, „Trans* Feindlichkeit durch Framing“ zu befördern. Zuschauende werden beeinflusst, bestimmte Denkmuster zu übernehmen, nämlich: Als männlich einsortierte Personen in einer weiblichen Rolle seien wohl psychisch krank und potenziell gefährlich und ihre zwei potenzielle Opfergruppen Frauen und Kinder.

In der Realität entstehen aus derartigen Stereotypen Hetzjagden, deren Opfer allerdings eben die angeblichen Täter werden. So erinnert die dgti an eine Fahndung im Juli 2020 in Freiburg, in der die Polizei unter tosendem Medienecho einen „Mann in Frauenkleidern“ suchte, der auf einem Spielplatz Kindern nachgestellt habe, wie besorgte Eltern den Ermittlern berichteten. Online-User beteiligten sich an der Jagd auf die Person, die sich schließlich laut Polizei als eine trans* Frau „ohne kriminelle Energie“ herausstellte, die mit ihrem eigenen Kind auf dem Spielplatz unterwegs war. Immer wieder sehen sich trans* Personen auch gewalttätigen Übergriffen ausgesetzt. In der Fiktion sind sie als Opfer meist unsichtbar, sichtbar dagegen als bizarre Täter-Fantasie, die als Matrize für transphobe Übergriffe dienen könnte. Von „Volksverhetzung“ spricht die dgti in diesem Zusammenhang.

Der ORF beschwichtigt, seine Tatort-Folge sei – „wie auch jede andere Produktion des ORF – getragen vom Respekt vor der Menschenwürde und sozialen Minderheiten“. Immerhin, so heißt es in einer knappen Antwort an die dgti, habe man die Kritik „den Verantwortlichen im ORF … zur Kenntnis gebracht, wodurch diese in den internen Evaluierungsprozess einfließen“. Öffentlich diskutieren wollte das Tatort-Social-Media-Team lieber die Frage nach dem Tatort-Lieblingsspruch: „Schau ich eigentlich aus wie ein Sozialarbeiter?“