Alle Jahre wieder stehen nicht nur die Spendensammler auf den belebten Straßen und Plätzen und klappern mit der Spendenbüchse. Kurz vor Weihnachten widmet sich auch das Fernsehprogramm häufiger den Obdachlosen und anderen Bedürftigen.

Der „Tatort: Unten“ aus Wien zeigt in der Ouvertüre das gesamte Spektrum: Eine Mutter sucht nach einer Bleibe für sich und ihren zehnjährigen Sohn. Sie begegnen in der Metro einer greisen Obdachlosen, die ihr gesamtes Hab und Gut bei sich trägt, treffen in der Essensausgabe im Heim auf ein abgerissenes Punk-Pärchen. Die beiden finden kurz darauf in einer verlassenen Werkhalle einen zu Tode gestürzten Kumpel. Oberstleutnant Moritz Eisner (Harald Krassnitzer), von seinem aasig-arroganten Chef Ernst Rauter (Hubert Kramar) zur schnellen Erledigung des vermeintlichen 08/15-Falls gedrängt, vermutet einen Streit unter Abhängigen im Milieu und nimmt die renitenten Punks ins Kreuzverhör.

Dabei war der Tote nicht einfach irgendein „Penner“, sondern ein abgestürzter Enthüllungsjournalist, der später für Majorin Bibi Fellner (Adele Neuhauser) als Informant gearbeitet hatte, aber unter Alkohol seine Stories immer weiter ausschmückte und von ihr nicht mehr ernst genommen wurde. Schon bald wird klar, dass Fellner und Eisner weiter ausholen und sich den illegalen Geschäften mit den Obdachlosen widmen müssen. Die Hintergründe des Wiener Advents-Krimis bleiben leider wenig originell oder überraschend, als Thriller aber funktioniert das „Tatort“-Debüt von Regisseur Daniel Prochaska, Sohn des Genre-Spezialisten Andreas Prochaska, überraschend gut.

Anders als dem vorigen „Tatort“ aus Münster merkt man dem Film nicht an, dass er im Juni unter Corona-Auflagen gedreht wurde, gerade in den Großstadt-Szenen. Die Attacken einer stets nur für wenige Sekunden auftauchenden, vermummten Schlägertruppe sorgen immer wieder für Schock-Momente. Der Zuschauer bekommt mit der Odyssee von Mutter und Sohn (gespielt von Sabrina und Finn Reiter) eine zweite Perspektive und einen emotionalen Zugang auf den Fall. Und Fellner und Eisner erledigen recht lakonisch ihre Arbeit, fragen natürlich, „Wie viel wert ist ein Leben?“, kommen ansonsten aber mit erfreulich wenig Moralisieren aus. Ihre Kölner Kollegen hätten in solch einem Fall wohl gleich den Sozialstaat an den Pranger gestellt. Nur die herzigen Szenen mit der „Sackerl-Grete“ (Inge Maux) bleiben etwas weihnachtlich verkitscht: Die greise Obdachlose wirkt erst wie eine Hexe, dann wie eine verwunschene Fee.

Tatort: Unten – So, 20.12., 20.15 Uhr, ARD