Albtraum oder Echtzeit? Oberstleutnant Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) wird gefesselt durch eine Parkgarage geschleift und gezwungen, eine ebenfalls gefesselte Frau zu erschießen. Dann richtet der Entführer die Pistole auf ihn. In der nächsten Szene rast Kollegin Bibi Fellner (Adele Neuhauser) zu einem Tatort in der Innenstadt. Vor einem Gerichtsgebäude ist ein Mann von einem SUV überfahren worden. Er war gerade vom Vorwurf freigesprochen worden, den Tod seiner kleinen Tochter verursacht zu haben. Der Anhänger alternativer Heilpraktiken hatte der Siebenjährigen eine konventionelle Behandlung verwehrt und erst das Krankenhaus alarmiert, als sie schon im Koma lag.

Der Pulsschlag in diesem Wiener Medizin-Thriller bleibt hoch, die Stoßrichtung von Rupert Henning klar. Der Autor und Regisseur hatte vor drei Jahren schon mal das Ebola-Virus in einem „Tatort“ untergebracht. Diesmal werden Alternativ-Mediziner zunächst von der Mutter des toten Mädchens attackiert – Sabine Timoteo spielt die aus Kolumbien stammende, terroristisch vorgebildete Rächerin wie im Fieber, mit vollem Körpereinsatz.

Gleichzeitig nehmen Fellner und Eisner die ökonomischen Hintergründe des Konzerns „Medicina Lenia“ auseinander, dessen Anführer sich gerade einen Machtkampf liefern. Ein Aussteiger erklärt sogar live im Fernsehen, dass in der „Humanenergetik“ dieselben Mechanismen wirken wie überall im Kapitalismus – welch Überraschung! Dabei setzen sich die Wiener Ermittler nicht nur verbal mit dem „Globulismus“ und der „Gesundheit als Glaubensfrage“ auseinander – Eisner muss an seinem maladen Rücken leiden, will den Hexenschuss aber nicht behandeln lassen.

Neue, alternative Methoden beschreitet dagegen Bibi Fellner, die den Fall nicht kriminaltechnisch löst, sondern aus theologisch-philosophischer Warte klärt: Ein Judas-Bild im Stephansdom liefert ihr die Lösung. Leider bereitet der Wiener Sonntagskrimi, wie schon der Schweizer „Tatort“ vor einer Woche, unfreiwillig weitere körperliche Probleme: Er geht auf die Ohren! Denn das eingespielte Ermittlerduo versenkt sich bei seinen anspielungsreichen Gesprächen immer tiefer in den Wiener Dialekt und es bleibt für den Untrainierten nördlich der Donau sehr anstrengend, hier jeden Gag und jede Feinheit herauszuhören. Das Lauterstellen macht alles nur noch schlimmer!

Zusätzliche Schmerzen bereitet der hektische Soundtrack, der sogar während der Dialoge permanent piepen und hacken muss. Da fragt man beim Gucken nebenbei „Doktor Google“, welche Hausmittel eigentlich gegen Tinnitus helfen. Eins muss man dem Krimi also lassen: Sein Motto „Krank“ nimmt er wirklich ernst.

Tatort, „Krank“ – So, 25.10., 20.15 Uhr, ARD