taz - Die Tageszeitung: Suche nach neuem Profil

Es war wohl zu viel verlangt, verschwitzt vom Radeln in der Mittagshitze mit anschließendem Treppensteigen in den vierten Stock des taz-Gebäudes von Chefredakteurin Ines Pohl ein Glas Leitungswasser zu erhoffen. Stattdessen geht Pohl gleich in die Offensive: Auf die harmlos gemeinte Frage, warum die Tür in ihr Büro anders als früher nicht nur ge-, sondern sogar abgeschlossen sei, blafft sie, diese Beobachtung könne man gern als Texteinstieg zu diesem Artikel nutzen. Bitte sehr! Ines Pohl steht unter Druck, und das merkt man ihr an. Vor drei Jahren ist sie als Nachfolgerin von Bascha Mika an die Spitze der taz gerückt, als eine von außen, die mit der speziellen taz-Kultur nicht vertraut war.

Linker solle die linke Tageszeitung wieder werden und frecher, sagte sie damals noch vor ihrem Amtsantritt – zum Ärger etlicher taz-Kollegen. Redakteure sagen heute, sie vermissten gestalterische Ideen aus der Chefredaktion. Auf die Frage nach ihrer Vision für die taz entgegnet Pohl: „Meine Aufgabe als Chefredakteurin der taz ist es auch, gemeinsam mit dem Verlag dafür zu sorgen, dass wir unseren Journalismus weiter finanzieren können.“ Vor gut einer Woche stellte der Redaktionsrat der taz nun laut Protokoll fest, die Redaktionsversammlung habe ein „Unwohlsein bei manchen KollegInnen über den internen wie externen Kurs der taz“ deutlich gemacht. Kein gutes Arbeitszeugnis für die Chefin, auch wenn in der diskussions- und streitfreudigen taz das Führungspersonal schon immer besonders kritisch gesehen wird.

Gedruckt nur noch am Wochenende?

Wohin geht es also mit der taz? Das Gespräch kreist zunächst um die Pläne für den von November an erweiterten Berlin-Teil am Sonnabend, die Neukonzeption von taz.de und den Relaunch der Wochenend-taz, die sonnabends gemeinsam mit der Sonntaz erscheint. Der künftige Online-Auftritt, der von der Agentur Kircher Burkhardt umgesetzt wird, solle „diskursiver, interaktiver“ werden und die Autoren prominenter ins Licht rücken, sagt Ines Pohl. Sollte die Technik keine Sperenzchen machen, werde er im Januar, spätestens im Frühjahr 2013 freigeschaltet.

Dann nämlich, am 20. April, und damit beinahe pünktlich zum 34. Geburtstag der taz, soll auch die neue Wochenendausgabe erscheinen. In Kürze nimmt eine interne Entwicklungsredaktion ihre Arbeit auf, um die Wochenend-taz mitsamt Sonntaz neu zu konzipieren. Karl-Heinz „Kalle“ Ruch, der Gründungsgeschäftsführer der taz, soll Pohl gedrängt haben, die kurz vor ihrem Antritt im Sommer 2009 eingeführte Sonntaz konsequent anzugehen. Wochentags verdient die Zeitung solides Geld, doch die Leser altern, die harte Auflage aus Abo- und Einzelverkauf sinkt bei steigender E-Paper-Nachfrage. Zusammengerechnet liegt die Zahl bei 52.400 Exemplaren.

Anders bei taz.de, aber da weiß niemand, wie mit den nicht gerade vermögenden jungen Nutzern Geld verdient werden könnte, zumal Bezahlschranken bei taz.de derzeit ein „No-Go“ sind. Alle Hoffnung liegt also auf der gedruckten Wochenendausgabe, die jüngere und auch mehr weibliche Leser als die Alltags-taz hat und deren Abo-Zahlen steigen. „Wir sehen hier das Potenzial, die Verluste der werktäglichen, gedruckten taz auszugleichen“, sagt Pohl. Die Rede ist sogar von einer möglichen Verdoppelung der Wochenend- und Kombi-Abos (werktags mit dem E-Paper digitaz) auf 20 000. Pohl sagt: „Unsere Pläne sind ambitioniert.“ Mancher vermutet, über kurz oder lang werde die taz gedruckt nur noch am Wochenende erscheinen. Pohl sagt, diese Entwicklung sei nicht absehbar.

Differenzen sind wunderbar

Bis dahin sollen die aktuellen Ressorts in der Wochenendausgabe die ausgeruhte Art der Sonntaz-Redaktion übernehmen und zum Wochenende hintergründige Geschichten schreiben: Porträts, Debattenstücke, Analysen. Die Sonntaz also, solle in die kommende Woche blicken. Fest stehe aber nichts, das sei Aufgabe der Entwicklungsredaktion, zudem werde der neue Leiter des Sonntaz-Ressorts, Felix Zimmermann, erst für September erwartet.

Die erste halbe Stunde ist um, die Schweißperlen auf der Stirn sind getrocknet, der Rachen auch, Ines Pohl wirkt immer noch angespannt. Bevor sie zur taz kam, war sie Politik-Korrespondentin der konservativen Tageszeitungen des Verlegers Dirk Ippen. Mancher vermutet, ihr fehle das Verständnis für eher magazinigen Journalismus. Vielleicht wirkt deshalb das einst als „Zukunftslabor“ erdachte und von ihr glücklos mit den Kulturseiten fusionierte Ressort taz2 konzeptlos und zerstritten. „Differenzen, was relevante und was irrelevante Geschichten sind, sind wunderbar“, sagt Pohl. „Die taz2 muss provozieren. Wenn sich Leute darüber aufregen, was dort steht, bin ich froh, das zu hören.“ So kann man es auch sehen.

Für Aufregung sorgte Ines Pohl indes zuletzt selbst, als sie einen Artikel von der Webseite entfernen ließ, in dem es um die sexuelle Orientierung von Bundesumweltminister Peter Altmaier ging und der zuvor auf den taz2-Seiten erschienen war. Autor Jan Feddersen hatte darin das öffentliche Herumschwurbeln des Ministers über das mehr oder minder offene Geheimnis seiner Homosexualität kritisiert. Nur wenige Tage zuvor hatte die taz schon einmal darüber geschrieben, weil ausgerechnet Altmaier im Bundestag gegen die Homo-Ehe gestimmt hat.

Ein gewisses Misstrauen

Darauf angesprochen, maßregelt Pohl, man wolle doch über die Wochenend-taz reden, nicht über Zwangsouting. Am Erscheinungstag des Artikels schrieb Pohl online: „Politisch wie moralisch ist die sexuelle Orientierung eines Menschen irrelevant. Sie ist Privatsache. Entsprechend sollte sich die taz weder an Zwangsoutings noch an Gerüchten über die sexuelle Orientierung beteiligen.“ Jetzt sagt Pohl, die selbst offen lesbisch lebt: „Dazu nur zwei Sätze: Ich bin als Chefredakteurin für den redaktionellen Teil der taz verantwortlich. Diese Verantwortung nehme ich qua Amt wahr.“ Ob es noch eine Frage zur Wochenend-taz gebe?

Auf der Redaktionsversammlung eine Woche zuvor soll Pohl Teilnehmern zufolge „keine gute Figur“ gemacht haben. Laut Protokoll hat Korrespondentin Bettina Gaus Pohls öffentliche Distanzierung als überzogen bezeichnet und an die Fürsorgepflicht für ihre Redakteure appelliert. Sie dürften nicht derart an den Pranger gestellt werden. Der Redaktionsrat stellte fest: „Die Aussprache (…) hat gezeigt, dass die anwesenden KollegInnen bei aller Kontroverse in Sachen Outing mehrheitlich die Reaktion der CR für unangemessen halten.“ Über Pohls Auffassung, die sexuelle Orientierung eines Menschen sei irrelevant, „lässt sich trefflich streiten. Auch dies hat aber im Blatt bislang nicht stattgefunden.“

Manch tazler sagt, das Blatt verliere an Profil, sei bieder geworden, wolle gefallen statt anzuecken. Pohl sagt auf die Frage, ob sie ihr Vorhaben, die taz linker und frecher, mutiger zu machen, umgesetzt habe und wenn ja, wo, nur, das möge man selbst beurteilen. Hinzu kommt ein gewisses Misstrauen gegenüber Pohl. „Es empfiehlt sich, alles schriftlich mit ihr zu vereinbaren“, sagt ein Redakteur. Im Gespräch kontert Pohl: „Ich empfehle jedem, mit Chefs grundsätzlich alles schriftlich auszumachen.“