Berlin - Tout Berlin war am Donnerstagabend in den Kater Holzig gekommen, um der Premiere des pophistorischen Monumentalwerks „Der Klang der Familie“ beizuwohnen; im Konzertsaal des Clubs drängten sich Massen von Menschen, um den Autoren Felix Denk und Sven von Thülen beim Vorlesen zuzuhören. „Berlin, Techno und die Wende“ lautet der Untertitel ihres Buchs, es geht um die Entstehung der hiesigen Techno-Kultur von etwa 1987 bis Mitte der 1990er-Jahre: der „Soundtrack des Ausnahmezustands nach der Wende“, wie es die Autoren im Vorwort formulieren; und vor allem natürlich: die erste gesamtdeutsche Jugendkultur.

Fast hundert Protagonisten aus jener Zeit haben von Thülen und Denk interviewt und die Gespräche dann in kleinen Schnipseln zu einer Oral History des Techno montiert. Tresor-Gründer Dimitri Hegemann und Loveparade-Erfinder Dr. Motte kommen ebenso zu Wort wie die damals wichtigsten DJs: Wolle XDP, Tanith, Clé, Jonzon, Terrible. Aber auch Barfrauen, Türsteher, Labelmacher, Radio- und Magazinjournalisten. Die Kapitel heißen „Anale Randale“, „Der Osten hört mit“ oder „Die schönste Hölle der Welt“.

Dimitri Hegemann erzählt etwa, wie er 1987 in der Wrangelstraße das Fischbüro eröffnet: einen „Dada- und Debattierklub für die verrutschte Kreuzberger Intelligenz“. Später zieht er damit in die Köpenicker Straße und richtet im Keller den Ufo Club ein, wo die verrutschte Intelligenz fortan Acid-House-Partys feiert. Hier sind schon viele von den DJs und sonstigen Protagonisten dabei, die 1991 den Tresor mitbegründen. Viele andere befinden sich zur gleichen Zeit noch auf der anderen Seite der Mauer und tanzen, wenn überhaupt, zu HipHop-Platten der Westverwandtschaft.

Mehr als nur ein Techno-Buch

An den besten Stellen, auf den ersten 200 Seiten des Buchs, gelingt Denk und von Thülen eine Ost-West-vergleichende Archäologie der subkulturellen Renitenz, wie ich sie in dieser unterhaltsamen Klarheit noch nicht gelesen habe. Darum ist „Der Klang der Familie“ auch mehr als nur ein Techno-Buch – es ist der beste Wenderoman, den man sich vorstellen kann! In dialektischer, geradezu Eisenstein’scher Gewieftheit werden scheinbar unterschiedliche, in wesentlichen Punkten doch überraschend ähnliche Biografien montiert.

Im Westen herrscht vor der Wende: bleierne Langeweile – vor allem enormer Überdruss mit der damals noch dominanten Postpunk-Kultur, mit den Blixa Bargelds und Nick Caves. Im Osten herrscht vor der Wende: bleierne Langeweile! Während man von der drüben langsam erblühenden Club- und Rave-Kultur munkeln hört, gebieten hüben meist staatlich geprüfte Musikunterhalter über die Plattenteller.

Dann fällt die Mauer – und auf beiden Seiten bricht große Ratlosigkei aus Die Underground-Leute aus der DDR – „die Freaks unter den Zonis“, wie sie sich selber nennen – schämen sich für ihre Brüder und Schwestern, die nach Bananen und Begrüßungsgeld gieren. Vor allem aber sind sie von West-Berlin enttäuscht, dem „subventionierten Provinznest“, das sie auf der anderen Seite der Mauer finden. Die Westberliner „sahen alle aus wie Günter Pfitzmann“, erinnert sich Johnnie Stieler, der später den Tresor mitbegründet und heute das Horst Krzbrg betreibt.