Vor ein paar Wochen war ich in Tel Aviv; das Goethe-Institut hatte mich zu zwei Diskussionsveranstaltungen eingeladen zu der Frage, ob Berlin immer noch „hip“ ist oder nicht vielmehr „over“. Als Berliner fragt man sich zunächst, ob das in Tel Aviv irgendwen interessiert und wieso.

„Urban, innovativ, glamourös“

Aber schon wenn man auf dem Flughafen Ben Gurion landete, erhielt man eine Ahnung von diesem Interesse. In der Ankunftshalle sah man als Erstes ein riesengroßes Plakat prangen, auf dem das Model Bar Refaeli für die Sonnenbrillen von „Carolina Lemke, Berlin“, warb. Carolina Lemke gibt es nicht, und sie war auch noch nie in Berlin, ihre Sonnenbrillen werden in einem Industriegelände südlich von Tel Aviv ausschließlich für den israelischen Markt produziert. Doch scheint das Hype-Potenzial des Namens Berlin so stark zu sein – „urban, innovativ, glamourös“, wie es auf der Carolina-Lemke’schen Webseite heißt –, dass man damit für den urbanen israelischen Innovations-Interessierten die Attraktivität seines Produkts automatisch zu steigern vermag.

Und tatsächlich: Als ich abends und nachts dann durch die Hipsterviertel der Stadt schlingerte, habe ich an den Tresen der dortigen Bars vor allem Leute getroffen, die bald nach Berlin ziehen werden oder eigentlich dort wohnen oder schon mal gewohnt haben. Inzwischen scheint das zu einer Art Tel Aviver Standardbiografie geworden zu sein: Wer den Militärdienst absolviert hat, zieht, so schnell es geht, nach Berlin und bleibt dann entweder dort oder sucht sich einen anderen Platz in der Welt, an dem er oder sie leben möchte.

Aber – und das war das Interessante daran – nicht aus Furcht vor Anschlägen oder der Möglichkeit eines neuen Kriegs. Die Leute, mit denen ich Ende Mai darüber sprach, redeten nie über die Bedrohung durch die Hamas oder die Hisbollah. Aber sie redeten viel über ihre mangelnden Perspektiven auf einen festen Job, der sie ernähre oder gar eine Familiengründung erlaubte; sie redeten über ständig steigende Kosten und Gentrifizierung. Wegen der verfehlten Wirtschaftspolitik der Regierung sei das Leben in Tel Aviv inzwischen dermaßen teuer geworden, dass man selbst mit zwei oder drei Jobs kaum noch über die Runden komme.

Hipster-Kieze inzwischen luxussaniert

Die einstigen Lieblingskieze der Studenten und Hipster, insbesondere in Florentin und rund um den alten Hafen von Jaffa, würden luxussaniert; überall baue man schicke Townhouses, in die dann vor allem „stinkreiche Franzosen“ einzögen. So übel ist ihr Leumund dort, dass man vielleicht sagen könnte: Die Franzosen sind die Schwaben von Tel Aviv.

Demgegenüber gilt Berlin immer noch als großes Freiheitsversprechen. Ein Autor, der zwei Jahre als Fernsehkorrespondent hier verbracht hatte und inzwischen nach Moskau weitergezogen war, beschrieb das Gefühl bei der Ankunft so: „Ich wurde ganz ruhig! Ich konnte durchatmen! Ich fühlte mich frei!“ So groß ist der Exodus der urbanen Jugend inzwischen, dass der israelische Finanzminister Yair Lapid im letzten Herbst eine immer noch gern zitierte Wutrede hielt. Er habe, sagte Lapid, kein Verständnis für die jungen Leute, „die das einzige Land, das die Juden in der Welt besitzen, wegwerfen, nur weil es in Berlin billiger ist“.

Als ich wieder nach Hause flog, habe ich mich dann doch gefragt, warum die Bedrohungslage, alles Militärische, der Krieg so gar kein Thema gewesen sind: Verdrängung? Müdigkeit? Nichts, was man mit einem Deutschen bespricht? Oder weil es unabänderlich zum Alltag gehört? War das die paradoxe Ruhe von Menschen, die sich tagtäglich im Auge des Orkans befinden? Nur einmal, als wir in einer der vielen Bars rund um die Große Synagoge an der Allenby Street saßen, wurde deren schöner Wiederaufbau gelobt – vor drei Jahren sei eine Rakete der Hamas auf sie gefallen, glücklicherweise ohne zu explodieren, aber das Dach war kaputt und drinnen auch eine Menge. Dann aber wandte sich das Gespräch gleich wieder anderen Themen zu, zum Beispiel der Frage, wie man in Berlin im Berghain am Türsteher vorbeikommen kann.

Berghain-DJs in Tel Aviv

Der aktuell angesagteste Club in Tel Aviv heißt übrigens The Block und ist in einem alten Bahnhof am östlichen Rand von Florentin eingerichtet. Als ich ihn besuchte, legten dort – natürlich – DJs vom Ostgut-Tonträger-Label des Berghain auf: Im großen Saal spielten Ben Klock, Tobias. und Boris lichtlosen Minimal Techno; im kleineren Saal konnte man einheimischen DJs bei ebenfalls sehr schönen, etwas fluffiger gewirkten und mit mehr Vocals versehenen Sets zuhören. Es war eine Donnerstagnacht, und der Club war trotzdem bis zum Schluss der Party um 6 Uhr brechend voll.

Als ich frühmorgens zugedröhnt wieder ins Hotel taumelte, kam ich phasenweise in der Tat schon mal damit durcheinander, in welcher Stadt ich mich jetzt gerade befand. Dass an den gleichen Orten, an denen ich neulich noch trank und tanzte, jetzt wieder die Sirenen heulen und Raketenteile vom Himmel fallen, ist unfassbar – nicht nur, weil es objektiv schrecklich ist, sondern auch, weil es so surreal wirkt. Als ich in Tel Aviv war, hatte ich nicht das Gefühl, weit von zu Hause weggekommen zu sein. Seit Dienstagabend suche ich in Berlin unwillkürlich den Himmel nach Raketen ab.