Weiße Plastikbänder baumeln lose von der hohen Decke bis zum Boden. Bänder verbinden bekanntlich, solange sie nicht durchschnitten werden, und Plastik ist das Material unserer Zeit, der Dreck darauf zeigt die Spuren unserer Zivilisation. Unter den Bändern liegen vereinzelt zerbrochene Platten aus weißem Marmor, es sind Fundstücke aus dem Stadtraum von Thessaloniki und Zeugnisse des einstigen Wohlstands in Griechenland. Sie umfrieden das kleine Terrain. Flankiert wird es vom Schaukeln des Wassers an der Uferpromenade, das über zwei Video-Bildschirme flimmert und von einer rätselhaft rituellen Handlung unterlegt ist.

„Das Delphische Floss“ nennt die Künstlerin Christine Schulz ihre Rauminstallation, die sie in die Mitte einer Passage gebaut hat und sich nun durch die Galerie im Körnerpark zieht. Sie ist Teil des gemeinschaftlichen Ausstellungsprojekt namens „Tempus Ritualis“ von insgesamt neun griechischen und deutschen Künstlerinnen und einem Künstler-Duo. Es ist eine Reise in ein krisengeschütteltes Land, eine Expedition durch Zeiten und Rituale in Bildern, Symbolen und Fundstücken aus einer schwer heimgesuchten Gesellschaft. Seit 2009 müssen die Griechen bekanntlich mit einem rapiden sozialen und auch humanitären Wandel zurechtkommen.

Gedankenaustausch zwischen Deutschland und Griechenland

Als vor zwei Jahren die Stereotype und Missverständnisse zu dem EU-Land extrem hochkochten, haben sich die Künstler dorthin auf Spurensuche begeben. Sie zogen aus, um die Bruchstellen und neuen Entwicklungen auf der sozialen Mikroebene mit künstlerischen Methoden zu erforschen, und einen Gedankenaustausch zwischen Deutschland und Griechenland anzustoßen – mit dem Blick von außen, aus der Diaspora, aber auch von innen. Und um „als Europäerinnen gerade in dieser Zeit ein Statement abzugeben“, wie Christine Nippe betont. Sie kuratiert mit den aus Thessaloniki stammenden Künstlerinnen Christina Dimitriadis und Evanthia Tsantila das Projekt.

Dieses kulminiert in dem ambivalenten Titel „Tempus Ritualis“. Er verweist zum einen auf die Zeit jetzt, zum anderen aber auf kulturelle Vorgänge, die erst durch andauernde Wiederholung zum Ritual werden und häufig in der Vergangenheit wurzeln. Krisen, radikale Veränderungen, neue Rituale. Genau da setzt das Konzept an: Welche neuen rituellen Formen sind entstanden – auch von Gemeinschaftssinn? Die Antworten finden sich im Metaphorischen, in einer Art Archäologie der Krise als Zeitmaschine. Fotografien, Videos, Collagen und Installationen von Lia Nalbantidou, Eva Stefani, Evanthia Tsantila oder Susanne Kriemann, die in ihren digitalen Foto-Assemblagen „Parallele Ausgrabungen (Thessaloniki)“ Antikes auf das Heute stoßen lässt. Der umstrittene U-Bahnbau verkehrt die Schichten: Das Neue liegt unten, das Alte, Vergangene ist nach oben gekehrt, neue Grabungsrituale entstehen. Diese Bilder kombiniert Kriemann mit Ansichten von leeren Läden. Gitter und Bretterverschläge werden zu Sinnbildern temporären Stillstands.

Lena Athanasopoulou wiederum geht der Frage nach, wie die Krise das Verhältnis von Mann-Frau-Beziehungen beeinflusst. „Metamorphosen“ nennt sie ihre dadaistisch surreal anmutenden Foto-Collagen, in denen weibliche und männliche Körpercodes miteinander verschmelzen. So wird eine Frau vom Mann auf Händen getragen, ihr Gesicht aber ist ersetzt durch einen kleinen ovalen Spiegel, sodass die Betrachterin sich nun selbst darin sieht und für diesen Moment ein Körper im Dazwischen entsteht.

Geduldsübungen als Teil eines kleinen Rituals

In ihrer dreiteiligen Fotoserie geht Christina Dimitriadis dem Spiel als Ritual und dem Erlernen der Grundregeln nach. Sie greift dafür das beliebte, aber brutale Kinderspiel „Tsantalina Mantalina“ auf, das an den Sisyphus-Mythos erinnert. Und eine wunderbar kontemplative und zugleich ironische Videoarbeit hat das Künstlerpaar Nina Fischer & Maroan el Sani als gemeinsame kulturelle Performance namens „Dynamis“ produziert. Im Zentrum ein rohes Ei. Auf den Straßen und Plätzen von Thessaloniki haben sie Passanten gefragt, Teil eines kleinen Rituals zu werden und zu versuchen, das Ei aufzustellen.

Diese Geduldsübung stammt aus einem Butoh-Workshop. Das Video zeigt in Frontaleinstellung Menschen, jung und alt, im konzentrierten Bemühen, das rohe Ei zum Stehen zu bringen. Gebannt fiebert man mit ihnen mit. Werden sie es schaffen? Diese Frage bleibt im Raum stehen. Einige schaffen es, jetzt – und allen Brüchen zum Trotz.

Galerie im Körnerpark, Schierker Straße 8, Di–So 10–20 Uhr. Bis 11. Januar 2015.