John David Washington (vorn) ist der „Protagonist“ des Films, aufgerufen zur Rettung der Welt. 
Quelle Warner Bros. Pictures

BerlinIn „Jeanne D’Arc“ (1879), einem Gemälde des Malers Jules Bastien-Lepage, sind Engelsfiguren zu erkennen, die Jeanne D’Arc anflehen, Frankreich zu retten. Jeanne hält ihren Arm ausgestreckt, als würde sie in Verzückung der himmlischen Anrufung Halt suchen. Doch ihre Hand scheint sich aufzulösen. Was da durchschimmert, ist eine Störung der Bildmatrix, die Gleichzeitigkeit zweier Ordnungen: das Physische und das Metaphysische. Die antizipierte Zukunft und die sich von den Gesetzen der Physik entkoppelnde Gegenwart.

In „Tenet“, Christopher Nolans jüngstem 200-Millionen-Dollar Spionage-Blockbuster, soll der „Protagonist“ (John David Washington) nicht Frankreich retten, sondern gleich die ganze Welt. Auch hier ist es die Parallelität der Zeitebenen – eine unwirkliche Gleichzeitigkeit vorwärts- und rückwärtslaufender Zeit –, die dem Film seinen eigenartigen Glanz verleiht. Nur sind es in „Tenet“ keine Engel, die im Zeitgeschehen aufscheinen oder dessen Umkehrung beschwören, sondern die Charaktere selbst: Sie werden zu rückwärts atmenden Kippfiguren, die an den spiegelbildlichen Rändern des Zeitstrahls entlangschlittern und seine innere Logik untergraben.

Wie das Wort „Tenet“ selbst wird Realität so plötzlich horizontal, vertikal, vorwärts und rückwärts lesbar: Wer in „Tenet“ verbrennt, erfriert. Wer schießt, fängt Kugeln. Und wer in „Tenets“ dystopisch-rotierendes Beton-Zeitfenster einsteigt, tritt je nach Bilderperspektive in eine andere Zeit – jedoch nicht als einfacher Zeitreisender, sondern als zeitlich in seiner Funktion verkehrtes Objekt. Als ein unheimlich ins verdüsterte Chaos der Nicht-mehr-jetzt-Zeit-Geworfener. Als einer, der, wenn er dabei seinem Ich über den Weg läuft, die eigene Existenz ausradiert.

„Tenet“ beginnt mit einer Geiselnahme in Kiew

Nochmal von vorn: Wir befinden uns inmitten eines Anschlags auf ein Opernhaus in Kiew. Eine Szene, die Nolan in der monumentalen Linnahall in Tallinn drehen ließ und erschreckend realistisch an die Geiselnahme tschetschenischer Separatisten im Moskauer Dubrowka-Theater von 2002 erinnert. „Tenets“ Protagonist scheint an einem Undercover-Schlag der CIA gegen die Geiselnehmer beteiligt zu sein. Zwar fliegt schon hier die eine oder andere Kugel rückwärts. Doch worum es wirklich geht – um die Suche nach Versatzstücken einer Waffe der Zukunft in den Händen eines machthungrigen Narzissten, einer Waffe, die droht, die Funktionslogik der Menschheit in ihr entropisches Gegenteil zu verkehren – das ist dem Protagonisten noch nicht klar.

Kurz darauf sehen wir ihn auf einem verlassenen Bahngleis. Ein Zug, das zeigten einst die Gebrüder Lumière, die Urväter der Filmgeschichte, ist ein Objekt, an dem sich die Dynamik der Zeit nachvollziehen lässt: Er fährt sozusagen von der Vergangenheit in die Zukunft. In dieser Szene hingegen rollen die Züge (folgerichtig) entgegengesetzt, in zwei Richtungen. Der Protagonist sitzt an einen Stuhl gekettet dazwischen, ein russischer Milizionär zieht ihm die Zähne. Der Gefolterte schafft es, eine tödliche Selbstmordkapsel zu schlucken und wacht auf einem Transporterschiff wieder auf (mit Zähnen).

War es ein Test? Eine Simulation? Die Fragen, die sich an „Tenet“ anschließen, scheinen endlos: Die sich am hellsten abzeichnende ist die Frage, ob Vergangenheit, wenn man sie denn als nachträglich manipulierbar versteht, Gegenwart und Zukunft verändern würde. Oder ob Zeit- und Weltzustände – wie Schrödingers Katze, die zugleich tot und lebendig ist – sich physikalisch verschränken können. Ein zweites Motiv ist die Frage, auf wessen Kosten wir zivilisatorischen Fortschritt inszenieren: Wann stoßen wir an die ethischen (und ökologischen) Grenzen unserer Existenz? Wann hört Natur auf, nur die (scheinbar) zeitlose Bühne des Menschen zu sein?

„Jeanne d’Arc“ von Jules Bastien-Lepage, Öl auf Leinwand, 254 x 279 cm, New York, Metropolitan Museum of Art.
Quelle: Wikimedia Commons

Kino braucht den Weckruf, der „Tenet“ sein könnte

In „Tenet“ werden derzeit große Erwartungen gesetzt. Der oft verschobene Film soll das Kino jetzt aus seiner coronabedingten Krise holen. Ob er das kann? Sicher ist: Er hat schon seit Veröffentlichung des Trailers ein nerdiges YouTube-Genre aufleben lassen, wo meist mittelalte Männer darüber spekulieren, was es mit der Logik des Films auf sich hat. Zugegeben: Es ist einem, auch nachdem man den Film in voller 150-Minuten-Länge gesehen hat, nicht ganz klar. „Tenet“ ist eine geistige Herausforderung: Wie andere Nolan-Filme steht Zeitlichkeit im Mittelpunkt. Schon „Memento“ (2000) war ein rückwärts erzählter Thriller über den Verlust des Zeitgefühls, „Inception“ (2010) ein Drama über die Relativität der Zeit im Traum, „Interstellar“ (2014) ein Science-Fiction-Epos über gravitative Zeitdehnung.

Was „Tenet“ unterscheidet, ist, dass er das Genre Film selbst neu erfindet. Dass er die Linearität der Erzählung auf eine Weise aufbricht, die man so vorher wirklich noch nie gesehen hat. Zeit, schrieb Gilles Deleuze, entstehe im Kino durch Sukzession, durch das Vorher und Nachher einer Bewegung, zusammengehalten durch ein sensomotorisches Band, an dem die Montage lesbar wird. In „Tenet“ scheint diese Idee in sich gefaltet wie ein Origami: In Form von rückwärts (oder vorwärts?!) ablaufenden Verfolgungsjagden, gefangenen (oder geworfenen?) Gegenständen. Oder etwa in einer Kriegsszene, die ein Haus zeigt, an dessen unterem Teil sich eine invertierte Explosion vollzieht, während einen Sekundenbruchteil darauf der obere Teil weggesprengt wird. Wie bitte? Genau. Die Szene ist nicht animiert, wirkt aber dennoch völlig unmöglich.

In Klimmzügen wirkt die Zeit wie aufgehoben

Zwischenzeitlich kann man dem Protagonisten immer wieder dabei zugucken, wie er Klimmzüge macht: Auch im Auf und Ab dieser Bewegung verliert sich die Frage nach der Richtung der Zeit: ein simpler und doch genialer Gedanke – der auch zeigt, dass das Philosophische, wie so oft in Nolans Filmen, immer mit einer geballten Portion Testosteron daherkommt. Den Charakteren fehlt es dabei leider weitestgehend an psychologischer Komplexität außerhalb erwartbarer Freund-Feind-Schemata. Überhaupt bleibt die Geschichte stellenweise hinter den Action-Szenen zurück. „Tenets“ Protagonist ist – erstmals in einem Nolan-Film – schwarz, was für den kulturpolitischen Moment dieser Tage bemerkenswert ist.

Was „Tenet“ letztlich zu einem filmischen Ereignis macht, ist die Kamera, die in hungriger Suchbewegung die Grenzen des Sehbaren auslotet, die düstere, Nolaneske Gesättigtheit der Farbtöne, die unglaubliche Filmmusik (Ludwig Göransson) und, natürlich, die alles umarmende Nerd-Theorie. Mit dieser Kombination könnte „Tenets“ Protagonist möglicherweise nicht nur die Welt retten, sondern auch – weckrufartig – das Kino.

Tenet GB/USA 2020. Regie, Drehbuch: Christopher Nolan, Darsteller: John David Washington, Robert Pattinson, Elisabeth Debicki u.a., 150 Minuten, Farbe.