Der Regisseur Christopher Nolan.
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BerlinEin Silberstreif am Horizont nach einer dunklen Nacht, das ist dieser Film: „Tenet“ von Christopher Nolan. Wer Kino liebt, muss ihn sich diese Woche anschauen, und dabei kommt es gar nicht so sehr darauf an, wie er ist. Man sollte auch hingehen, wenn man Science-Fiction-Action-Spionage-Filme gar nicht mag. Und selbst, wenn er bei der Kritik durchfällt. Denn ohne ihn gesehen zu haben: Dieser Film ist etwas ganz Besonderes.Und er muss, was die Besucherzahlen angeht, ein Erfolg werden.

Als Kinogänger kümmert man sich normalerweise nicht um das, was ökonomisch hinter den Kulissen der Einrichtung Kino vor sich geht. Aber man hat sich in manchem umstellen müssen in den vergangenen Monaten, und der verantwortliche Konsument ist ohnehin seit Jahren gefragt. Also: Kinos verdienen Geld, wenn sie Blockbuster zeigen und die Häuser bis auf den letzten Platz besetzt sind. Diese Filme kommen normalerweise aus Hollywood. Und sind sehr teuer. „Tenet“ etwa hat mehr als 200 Millionen Dollar gekostet, dazu kommen zig Millionen für Werbung. Er muss das Geld wieder einspielen, und dafür werden die Zuschauer auf der ganzen Welt gebraucht, auch wenn die USA der größte Markt sind. Das ist nicht gerade einfach in Corona-Zeiten. In den USA, wo die Infektionszahlen derzeit wieder nach oben gehen, ist nur ein Fünftel der Häuser offen.

Das ist auch der Grund, weshalb in den vergangenen Monaten bei einem US-Film nach dem nächsten der Starttermin verschoben wurde. Der neue James Bond gehört dazu, die „Avatar“-Sequels oder auch „Mulan“, der möglicherweise gar keinen Kinostart mehr bekommt, weil Disney ihn als Stream veröffentlicht. Auch „Tenet“ hätte längst starten sollen: Fünf Mal wurde er verschoben, es war auch hier zu befürchten, dass er im Kinosommer gar nicht mehr läuft.

Doch vor ein paar Wochen verkündete Tobias Emmerich von Warner Bros. Pictures, einem der fünf größten Filmunternehmen in den USA, dass sie „Tenet“ am 26. August in Europa starten lassen werden und auch in Australien, Südkorea, Kanada und noch ein paar anderen Ländern – 70 sind es insgesamt. Aber, und das ist bemerkenswert, nicht in den USA. Dort würde es sich wegen der vielen geschlossenen Kinos nicht lohnen.

Es ist zwar nicht das erste Mal in der Geschichte des Kinos, das so etwas passiert, ungewöhnlich ist es aber dennoch. Denn läuft der Film erst mal im Kino, und sei es auch nur in irgendeiner Ecke dieser globalisierten Welt, ist die Gefahr des Spoilerns groß, auch die Gefahr der Piraterie. Andererseits kann er auf diese Weise schon mal anfangen, Geld zu verdienen. Auch der Regisseur Christopher Nolan hat darauf bestanden, dass sein Film zuerst in den Kinos gezeigt wird, nicht als Stream im Heimkino. Er sprach von einem Zeichen der Solidarität mit den Kinobetreibern sowie vom Kino als lebenswichtigem Bestandteil der Gesellschaft. Warner Bros. nahm den Gedanken auf: Es sei unverantwortlich, den Film zurückzuhalten und die Schließung vieler Kinos außerhalb der USA zu riskieren.

Der deutsche Film ist nicht in der Lage, den Markt in Fahrt zu bringen

Und dieses Risiko besteht, denn der deutsche Film ist nicht in der Lage, „den Markt in Fahrt zu bringen“, wie kürzlich der Hauptverband deutsche Filmtheater (HDF) mitteilte. Auch wenn der Mut aller Verleiher gelobt wird, die ihre Filme in Zeiten des Mindestabstands haben starten lassen. Aber deutsche Filme sind eben keine Blockbuster. Die HDF-Vorstandsvorsitzende Christine Berg nennt „Tenet“ das „Licht am Ende des Tunnels“ nach zermürbenden Wochen wiederholter Verschiebungen. „Er ist genau die Art von Film, die wir so dringend brauchen.“ Mit „Tenet“ seien die deutschen Kinos in  der Lage zu zeigen: Wir sind wieder da. Die UCI-Kinos öffnen sogar erst zu seinem Start oder kurz davor wieder in ganz Deutschland, auch drei Häuser in Berlin.

Wer also das Kino liebt, muss in „Tenet“ gehen, weil dieser Besuch den deutschen Kinos nutzt – in Form von Einnahmen, von Ermutigung. Aber der Erfolg wäre auch ein wichtiges Signal an die Verleiher und die Produktionsfirmen in den USA. Sie werden genau beobachten, wie „Tenet“ sich schlägt. Und sie müssen einen hervorragenden Eindruck bekommen. Dann werden sie vielleicht auch bei anderen Filmen nicht auf den Heimatmarkt warten und Starttermine nicht länger in eine imaginierte Nach-Corona-Zeit verschieben, sondern Zutrauen in eine geteilte Kinowelt fassen, bei der nicht America First, sondern Der Rest der Welt First oder gar Europe First gilt. Nur dann werden sich die Startlisten wieder füllen. Nur dann haben die Kinos eine Chance, diese harte Zeit zu überstehen.