Der Dirigent Teodor Currentzis.
Foto: SWR/Anton Zavjyalov

BerlinTeodor Currentzis und sein Kollege Kirill Petrenko, die man als die wichtigsten Dirigenten ihrer Generation identifiziert, sind mit nur wenigen Wochen Abstand im Jahr 1972 geboren. Gemeinsam ist beiden ein künstlerisches Programm der intensiven, prallen Verlebendigung des Repertoires. Petrenko realisiert es im Rahmen des Systems, als Generalmusikdirektor und nun als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker. Currentzis dagegen legt Wert auf eine Position außerhalb. Er dirigiert vor allem sein eigenes Orchester samt Chor, die unter dem Namen musicAeterna fungieren – ein irritierend an bürgerliche Vorstellungen vom ewigen Kulturerbe erinnernder Name. 

Und wenn er und seine Musiker zur Bespielung eines Opernhauses am Rand der Welt, in Perm, berufen werden, dann werden eifrig Gerüchte gestreut, dass hier eine großzügig mit Sex und Drogen geheizte Künstlerkommune entstanden wäre, kein „Betrieb“. Dennoch leitet Currentzis nun ausgerechnet das kraft bürokratischer Fusions-Entscheidung entstandene SWR-Symphonieorchester, und am Freitag und Sonnabend hat er schließlich erstmals das Orchester seines gleichaltrigen Konkurrenten Petrenko dirigiert, die Berliner Philharmoniker. Currentzis kann wirklich enorm viel, das steht überhaupt nicht in Frage. Sagt man von Petrenko, dass er alle seine Energie ins Werk stecke, so sorgt Currentzis dafür, dass einiges davon auch als Glanz auf ihn selbst zurückfällt.

Leiseste Stimmgebung

So leise wie noch nie zuvor Giuseppe Verdis „Messa da Requiem“ beginnt unter seiner Leitung mit den leisesten Cello-Tönen, die jemals in der Philharmonie zu hören waren. Ebenso setzt sein eigener musicAeterna-Chor mit leisester Stimmgebung ein. Verdi hat solche Extreme durchaus mit „pppp“ anzuzeigen gewusst, falls er sie gewollt hat. Hier hat er sich mit „pp“ begnügt, Currentzis macht also eine Nummer daraus, die seinen individuellen Gestaltungswillen betont. Aber sie zeigt auch an, dass hier einer auf dynamische Extreme zielt: Im Kyrie zieht er die Lautstärke hoch, seine Sopranistin Zarina Abaeva nutzt den Moment zum Beweis, dass sie noch lauter singen kann, und sie singt wirklich, es ist kein Geschrei. Das virtuose Moment in all dem ist erstaunlich. Currentzis’ Chor artikuliert derart gemeinsam, dass man es nicht glaubt; selbst Einsätze im fortissimo legt er ohne Aufforderung des Dirigenten hin – hier glaubt man wirklich an Hexerei.

Im „Dies irae“ bringt Currentzis die Philharmoniker zu Akkordschlägen von unfassbarer Schärfe; man sollte nicht denken, dass kurze Akkorde derart klangvoll sein könnten. Die Blechbläser legen ohne vertikale Lautstärke-Staffelung los, die Streicher spielen ihre Figuren bis zum letzten Sechzehntel mit enormer Kraft, die Triolen des Chors verlaufen sich hier nicht im Ungefähren. So hat man das noch nicht gehört. Aber auch nicht, wie Currentzis diese Aggressivität auch im piano noch schwelen lässt, wie sie schließlich die Tempoverhältnisse in dem ganzen langen Satz übers Jüngste Gericht bestimmt und ihn durchdringt. Currentzis’ Gestik ist dabei keineswegs elegant. Stablos fuchtelt er scheinbar pauschal herum, angetan mit langem schwarzen Hemd und enganliegenden Hosen über den Spinnenbeinen. Sein Pult verrückt er immer wieder einmal, stellt sich daneben oder bewegt sich zwischen die Solisten, um ihnen etwas zu verdeutlichen, vielleicht auch, um ihnen nicht alle Aufmerksamkeit zu überlassen.

Sagenhaft begabt

Das ist der seltsame Zwiespalt dieses sagenhaft begabten Musikers: Alles, woran er beteiligt ist, muss offenbar seinen Stempel tragen, er lässt nichts los. Sergej Romanowsky und Evgeny Stavinsky singen ihre Partien als Tenor und Bass anstandslos und durchaus beeindruckend – und wirken dennoch leicht unterdrückt. Annalisa Stroppa, für Clémentine Margaine kurzfristig eingesprungen, vermag Currentzis solide zu tragen, und seine Sopranistin, die bereits erwähnte Zarina Abaeva, steht durchaus für sich selbst. Von den großen Momenten dieser Aufführung könnte man lange erzählen. Selbst dem knarrenden Offertorium gewinnt Currentzis Reize ab, das Sanctus geht im Tempo an den Rand des Ausführbaren. Aber dadurch kommt auch nie eine falsche Weihe auf, Currentzis hält Verdis Requiem im Bereich repräsentativer, bildhaft dramatischer Musik, die sich am Ende des „Libera me“ in ihren Ausdrucksmitteln erschöpft – und gerade dadurch wahrhaftig bleibt.