Wie nur die Zukunft gestalten? Der Schriftsteller Tom Hillenbrand hat sich auf Science-Fiction spezialisiert und mehrere Romane veröffentlicht. In einem Vortrag bei der Netzpolitik.org-Konferenz ging er der Frage nach, was Dystopien und die Erwartung des Untergangs mit uns machen. Er rät Politikern, nicht zu pessimistisch zu sein. Im Grunde richtet sich seine Botschaft nicht nur an die Politik.

Ein Auszug aus Tom Hillenbrands Buch „Hologrammatica”:

Angesichts der Rasanz technologischer Entwicklung machen Netzpolitiker noch mehr als Politiker in anderen Politikfeldern Gesetze für eine ungewisse Zukunft. Folglich fragen sich Netzpolitiker noch mehr als andere Menschen: Wie wird die Zukunft? Diese Frage lässt sich kurz und bündig beantworten. Die Zukunft wird fürchterlich, entsetzlich, grauenvoll.
Das zumindest könnte man annehmen, wenn man sich anschaut, was in der Pop-Kultur im Science-Fiction-Bereich die Bestseller der vergangenen Jahre gewesen sind: „Mad Max: Fury Road“, „Handmaid“s Tale“, „Black Mirror“, „Hunger Games“, „Blade Runner 2049“ – das sind alles Dystopien.

Es geht um Auslöschung der menschlichen Spezies, globale Seuchen, durchgedrehte Roboter, entfesselte KIs, Überwachungsstaaten, totalitäre Systeme. Man könnte also meinen, wir gingen düsteren Zeiten entgegen. Vielleicht tun wir das auch. Aber es lohnt, für einen Moment innezuhalten und darüber zu sprechen, wie es passieren konnte, dass, wenn wir über die Zukunft reden oder nachdenken, die Dystopie anscheinend der Standard geworden sind.

Vertrauen in die Technologie

Es gibt darauf eine literaturwissenschaftliche Antwort. Wenn man sich das Genre der Science-Fiction und dessen Wandel über die Jahrzehnte anschaut, kann man Phasen identifizieren, in denen bestimmte Themen en vogue waren. Bis in die 20er-Jahre gab es in der Science-Fiction kaum dystopische Weltentwürfe, sondern meist positiv gestimmte und utopische. Das war damals wie heute eine Zeit der rasanten technologischen Entwicklung. Aber anders als heute ging man davon aus, dass Technologie alles besser machen würde.

Dann folgen verschiedene Entwicklungen in der Geschichte, die alles andere als positiv sind – der Totalitarismus der jungen Sowjetunion, der Faschismus in Italien und Deutschland und natürlich die Wirtschaftskrise. Plötzlich erscheinen Bücher wie „Schöne neue Welt“, „1984“ oder auch „La Fin Du Monde“. Der Literaturwissenschaftler konstatiert: Das sind eben alles Rückwirkungen der realen Welt auf die Autoren und ihre Werke. Genauso kann man zeigen, dass es in der Science-Fiction der 50er-Jahre sehr oft darum geht, dass irgendwelche Invasoren aus dem All hinabkommen und die Menschheit unterjochen – und natürlich sind auch das Einflüsse des Kalten Krieges.

80er-Jahre: Cyberpunk, Bladerunner und Neuromancer

In den 80er-Jahren haben wir die Phase des Cyberpunk, Science-Fiction unter dem Eindruck des aufkommenden Informationszeitalters, da kommen dann William Gibsons Neuromancer oder Ridley Scotts Bladerunner – urbane Wüsten und Cyberspaces. Aktuell geht es zum einen um die Versklavung oder Knechtung der Menschheit durch Technologie und Überwachung. Zum anderen treten ökologische Aspekte immer mehr in den Vordergrund. Es werden Szenarien einer Zukunft durchgespielt, auf der die Erde für die Menschen nicht mehr bewohnbar ist.

Der Science-Fiction-Autor Kim Stanley Robinson sagt: „Science Fiction macht deutlich, wie Menschen in der Gegenwart über die Zukunft denken.“ Wenn das stimmt, dann ist unser Gefühl, dann sind unsere Vibes momentan offensichtlich nicht so wahnsinnig gut. Aber heißt das jetzt, dass Netzpolitiker sich auf eine entsetzliche Zukunft vorbereiten müssen? Kann schon sein. Aber wenn der Grund dafür ist, dass sie zu viel Netflix geguckt haben, dann machen sie vermutlich was falsch.

Science-Fiction hat nicht die Absicht, eine Zukunft zu entwerfen

Netzpolitik ist notwendigerweise eine in der Zukunft verankerte Politik. Und natürlich sucht deshalb jeder, der in diesem Bereich tätig ist, händeringend nach einem Prognoseinstrument. Sucht nach einer Kristallkugel, die ihm vielleicht einen Hinweis darauf gibt, ob wir in zehn Jahren noch Mobiltelefone verwenden. Kein Mensch weiß es. Und ich würde behaupten, wer es schon gar nicht weiß, das sind Science-Fiction-Autoren.

Ihre Bilanz, wenn es darum geht, konkrete technologische Entwicklungen vorherzusagen, ist durchwachsen. Jedem, der nun auf uns Schriftsteller zeigt und sagt: „Eure Vorhersagen taugen nichts, dem möchte ich stellvertretend für alle Science-Fiction-Autoren erwidern: „Wir wollen ja auch gar keine Vorhersagen treffen.“ Das ist, glaube ich, ein enormes Missverständnis. Science-Fiction hat überhaupt nicht die Intention, eine Zukunft zu entwerfen, die realistisch ist oder eintreffen könnte.

Fiktion: Zukunft als Laboratorium

Die kürzlich verstorbene Science-Fiction-Autorin Ursula Le Guin hat einmal gesagt, sie schreibe Science-Fiction, weil in der Zukunft theoretisch alles passieren könne und einem niemand zu widersprechen vermag: „Die Zukunft ist ein sicheres, steriles Laboratorium in dem man Ideen ausprobieren kann.“ Und nichts anderes sind auch all diese dystopischen Szenarien, das muss man sich, glaube ich, immer wieder klarmachen. Ein Grund, dass Autoren in den vergangenen Jahren so viele dystopische Szenarien verfasst haben ist sicherlich, dass da gesellschaftlich und technologisch ein paar Sachen in der Luft liegen. Ein weiterer ist, das Dystopien unterhaltsamer als Utopien sind.

Ist damit die Dystopie als Inspiration für die Netzpolitik wertlos? Das ist sie nicht, denn wir wollen ja tatsächlich nicht in einer Dystopie enden. Wir wollen keine Welt, in der der Staat jedem Bürger mit Big Data ein Sozialrating zuweist; Wir wollen keine Datenhändler, die sich irgendwelchen Despoten andienen und für sie unsere Demokratien manipulieren und wir wollen auch keine Sicherheitsbehörden, die jeden von uns lückenlos überwachen.

Starke Wirkung auf Gesellschaft

Natürlich ergibt es Sinn, diese ganzen technologischen Risiken und ihre Auswirkungen durchzuexerzieren im Sinne des Ideen-Laboratoriums von Ursula LeGuin. Aber in dieser intellektuellen Übung liegt, finde ich, auch eine große Gefahr. Gestaltet vielleicht die Zukunft die Netzpolitik? Ich meine natürlich die Zukunftsszenarien der Science-Fiction. Ich bin überzeugt davon, dass diese Szenarien, auch wenn sie fiktional sind, häufig viel stärker auf die Gesellschaft und auf die Politik rückwirken als uns vielleicht bewusst sind. Zunächst in der Weise, dass Entscheidungsträger auch Science-Fiction konsumieren und davon beeinflusst werden.

Drei prominente Politiker, die alle nachweislich Science-Fiction gelesen haben: Winston Churchill, Ronald Reagan und Barack Obama. Churchill hat sogar den Begriff „A Gathering Storm“, den er verwendete, um vor den Nazis zu warnen, aus einem Roman geklaut – und zwar aus „Krieg der Welten“ von H.G. Wells. Denn wenn wir glauben, dass die Zukunft düster und schrecklich also eben dystopisch wird, dann richten wir unser Verhalten nach dieser Erwartung aus und machen entsprechende Politik. Wenn ich davon überzeugt bin, das Künstliche Intelligenz (KI) zwangsläufig zur Apokalypse führt, muss ich alles daran setzen sie zu verbieten oder sie mindestens prohibitiv regulieren.

Ian Banks „Culture”-Romane als Utopie im Science-Fiction-Genre

Nehmen wir noch mal das Beispiel KI. Natürlich gibt es eine Zukunft, in der wenige mächtige Konzerne oder Regierungen diese Technologie für ihre Zwecke einsetzen werden und nicht zum Wohle der Menschheit. Es gibt auch eine Zukunft, in der jeder von uns einen sehr cleveren KI-Assistenten hat, der einem helfen kann, dass seine persönlichen Daten dort gelöscht werden, wo man es möchte. Solche erfreulichen Lösungen sollten wir viel mehr durchspielen, wir müssen sie denken, ansonsten wird unser Handeln nicht aktiv und kreativ sein, sondern defensiv und ideenlos — dann machen wir uns nur noch Gedanken darüber, was am besten alles verboten gehört.

Wie kommt man da jetzt raus, aus diesem Dysto-Loch? Vielleicht, indem man positivere Science-Fiction liest. Die „Culture“-Romane von Iain Banks beispielsweise beschreiben eine Zukunft, in der die Menschheit ihre Probleme – Krankheit, Armut, Krieg, Umweltverschmutzung – gelöst hat. Das ist Science Fiction zum Staunen, große Weltenentwürfe die nicht weniger Spaß machen als ein Bladerunner-Szenario. Und diese Art von Zukünften verändern Buch für Buch und Film für Film unseren vielleicht zu düsteren Blick auf die Zukunft. Denn wenn wir es wollen, kann die Zukunft richtig gut werden. (BLZ/ Quelle: Tom Hillenbrand)