Zuerst einmal: Dieser Bau weitet mit seiner neu gewonnenen Frische das Herz, erregt immer neues Staunen, macht oft mit seinen witzigen Details bis hin zu dem seltsam porzellanig schimmernden Netzgewölbe über dem großen Saal schlichtweg Freude.

Doch sollten wir, die Zeitgenossen eines der größten und teuersten Skandale der jüngeren deutschen Architekturgeschichte, Denkmalpflege- und Kulturpolitik, bei aller Festfreude nicht davor zurückschrecken, auch diese neue alte Staatsoper kritisch zu betrachten. Und sei es nur, um vergleichbare Skandale in der Zukunft zu vermeiden.

Dabei hätte die Staatsoper, dieser für die Architekturgeschichte der DDR und die Operngeschichte so zentrale, von Richard Paulick entworfene Bau von 1955, nicht nur mit dem jetzigen Totalumbau, sondern auch vorsichtiger, billiger restauriert werden können. Das meinten jedenfalls schon um 2005 Denkmalpfleger und Kenner des Gebäudes, und sie brachten reichlich gute Gründe an.

Auch monierte der einstige Kultursenator Thomas Flierl schon vor Beginn der Bauarbeiten, dass eine zu voller operntechnischer Größe aufgerüstete Staatsoper der Deutschen Oper an der Bismarckstraße eine kaum zu bewältigende Konkurrenz werde. Doch unterlagen alle Kritiker dem Einfluss der Berliner Opernfreunde, den Perfektionsansprüchen der Musiker und der Intendanz, die befördert wurden vom Bundesgeschenk von 200 Millionen Euro, und dem Traum von der großen deutschen Nationaloper Unter den Linden, den schon das Kaiserreich träumte.

Bis zur Perfektion poliert

Gehen wir also in den herrlichen Apollo-Saal. Entgegen aller Legende ist er keine Kopie des ovalen Rokoko-Festsaals Friedrichs des Großen in Schloss Sanssouci. Dieser Raum Paulicks war ganz im Gegenteil eine zwar in den Einzelformen skrupulös genaue, doch im Gesamten freie Neukomposition. Doch wenn man jetzt eintritt, meint man wirklich in einem Raum des mittleren 18. Jahrhunderts zu stehen.

Überall im Haus gibt es diese Irritation zwischen realer und restaurierter Geschichte: Die Oberflächen, seien sie aus Stuckmarmor, Stein, Putz, Stoff, Glas oder Stuck, wurden in den vergangenen Jahren nicht nur denkmalpflegerisch von Staub, Dreck und Übermalungen gereinigt und ergänzt. Stattdessen sind sie bis zur Perfektion poliert, geschlossen und neu vergoldet worden.

Eine großartige Handwerksleistung. Die zarten Stuckaturen, die netten Netze an den Decken, zierlich eingerollten Rocaillen, Muschelornamente zeigen sich klarer in der Kontur, scharfkantiger als bisher. Zusammen mit den neuen Verglasungen und Vergoldungen, den funkelnden Lüsterkristallien, frischen Farben und Stoffbespannungen der Wände und neuen Teppichen wirkt die Staatsoper nun so rokokoig wie wohl niemals seit dem 18. Jahrhundert.

Aber eigentlich sollte das Interieur der 1950er-Jahre erhalten werden. Das war die Forderung, nachdem 2008 der radikale Umbauentwurf Klaus Roths in öffentlicher Entrüstung untergegangen war und HG Merz den zweiten Wettbewerb gewonnen hatte.

Erinnerung an die DDR

Doch auch er griff herzhaft zu. Entstanden sind so neue, angenehm kühl gestaltete Toilettentrakte oder die neuen Treppenhäuser mit ihren schweren, geschlossenen Brüstungen. Die Stufen sind genau jenen Tick zu hoch, der zwischen erhebendem Schreiten und effizientem Gehen liegt. Signalisiert wird so bis hin zum dunkel-steinernen Bodenbelag: Das sind keine Fest- sondern Nutzräume. Aus denen es dann in die prachtvollen Umgänge, hin zu Foyers und zum Aufführungssaal geht.

Nicht so erfreulich ist die Neugestaltung der Konditorei im Tiefgeschoss der Staatsoper. Sie war der wienerisch-leichte Gegenpol zur Neu-Rokoko-Pracht in den Geschossen darüber, mit hellem Steinboden und zart gemalten Chinoiserien an den Wänden. Auf diese Grundidee bezog sich auch das 2016 ausgewählte Kunst-am-Bau-Projekt von Marc Weis und Martin De Mattia aus München, ganz eng gesetzte Fotos von Kollegen der Staatsoper auf dem Weg zu Arbeit. Dieses Kunstwerk versinkt nun ästhetisch geradezu, wurde doch der Boden mit dunklem Holz belegt, sind auch die Wände dunkel gehalten. Die Konditorei wirkt nicht mehr frisch und heiter, sondern – ganz wie viele von HG Merz in der Alten Staatsbibliothek entworfenen Interieurs – repräsentativ schwer.

Und wie in der ebenfalls nach seinen Plänen restaurierten Alten Nationalgalerie fiel auch hier vor allem die Erinnerung an die DDR: Das, was in der Alten Nationalgalerie die kargen Wandflächen des Wiederaufbaus um 1950 waren oder in der Alten Staatsbibliothek die Säle im International Style der 1960er, sind in der Staatsoper die zarten Paulick-Interieurs der Konditorei.

Geradezu italienisch steil

Im großen Saal wurden zwar die Details erhalten, doch die Gesamtwirkung hat sich dort ebenfalls dramatisch verändert. Um die aktuell gültigen Vorstellungen von perfekter Akustik durchzusetzen, wurde die Decke Paulicks mit irrwitzigem Aufwand ausgebaut, die Dach- und Deckenabfangung neu konstruiert, das besagte zarte Netzgewölbe eingebaut und dann die Decke Paulicks wieder eingefügt.

Diese Raumerhöhung hat aus dem an der Theaterreform um 1910 orientierten, engen Saal ein geradezu italienisch steiles Auditorium gemacht. Um den Übergang zum Bühnenportal angemessen zu fassen, erhielten die seitlichen Pfeilerdekorationen neue, nunmehr zweifach gestufte Sockel. Bisher waren Parkett, Ränge und Bühne durch diese Pfeiler zusammen ästhetisch gefasst, sprechender Ausdruck der egalitären Staatsidee der jungen DDR. Nun sind diese Pfeiler eindeutig Teil der Rangarchitektur, und das Parkett ist wieder wie in wirklich alten Opernhäusern der Raum da unten.

Wer später einmal die Staatsoper von 2017 analysieren wird, findet in ihr also auch eine Architektur gewordene Gesellschaftspolitik wieder, in der das Egalitäre zunehmend zurückgedrängt wird. Auch das sollte man in aller Festfreude nicht vergessen.