Der japanische Komponist Toshio Hosokawa.
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BerlinDie Arbeit von Komponisten leidet unter Corona eher wenig. Müssen sie sonst zu Proben und Aufführungen reisen oder unterrichten, was die meisten nicht gern tun, können sie sich jetzt aufs Kerngeschäft konzentrieren und grundsätzliche Fragen durchdenken.

So sagt es Toshio Hosokawa, der zur Zeit bedeutendste Komponist Japans, dessen Opern und Instrumentalwerke auch in Berlin viel gespielt werden. Für die Asien-Tournee des Philharmonischen Oktetts hat er ein Stück geschrieben, das in diesen Tagen eigentlich seine zehnte Aufführung erleben sollte – stattdessen blieb die Partitur bis zum Sonnabend nur eine Ansammlung von Zeichen auf dem Papier, und das gefällt Komponisten wiederum überhaupt nicht. Am Sonnabend ist das Stück nun wenigstens im Live-Stream in der Digital Concert Hall der Berliner Philharmoniker uraufgeführt worden.

Bei der Einstudierung war Hosokawa durch eine Internet-Verbindung behilflich – wenn die allerdings so aussah wie beim Interview durch Daishin Kashimoto, den ersten Geiger des Oktetts, bedarf es schon einiger Phantasie, um sich die Zusammenarbeit als produktiv vorzustellen: Im Grieseln des Skype-Bilds kann man gerade noch die landestypische Zurückhaltung des Komponisten erkennen; da fiel der Beistand wohl eher symbolisch aus.

Seinen Titel „Texture“ (Gewebe) illustriert das Stück durch dichte dialogische Bezugnahmen vor allem zwischen den Streicherstimmen: Bis in die Rhythmik und die engstufigen Intervalle erinnert das an die Musik Béla Bartóks, jeder melodischen Geste folgt eine ähnliche, und alsbald wird das Gebilde periodisch geschlossen. Das wirkt ein bisschen simpel, aber ist mit größter Souveränität proportioniert, bleibt noch in der Zuspitzung der instrumentalen Gegenrede innerlich ruhig und öffnet sich in einen zauberhaften Schluss, dessen leise Glissando-Bewegungen zusammen mit den vogelartigen Rufen unauffällig an mehr oder minder reinen Dreiklängen vorbeischweben. „Texture“ ist kein ganz großer Wurf – der Titel klingt befremdlich allgemein, welche Musik ist denn kein „Gewebe“? –, aber doch eine poetische Projektion von Hosokawas orchestraler Klangwelt ins Kammermusikalische.

Umgeben war das Stück von den Oktetten Franz Schuberts und Hugo Kauns: Begriff Schubert sein langes Werk als Etappe auf dem Weg zur großen mehrsätzigen Symphonie, so weist das 1891 in den USA entstandene Werk des Berliners Kaun eher schon auf die spätere Kammersymphonie Schönbergs: Zwar ist es weit von dessen harmonischer Experimentierlaune entfernt, doch die motivisch dicht gestrickte, oft düster instrumentierte und die Ausdrucksbereiche rasch wechselnde Musik macht doch neugierig auf den einst hochgeachteten, heute vollkommen vergessenen Komponisten.