Von Oktober 1965 bis Oktober 1966 wurden nach Schätzungen von Amnesty International etwa eine Million Menschen umgebracht. Die Militärregierung bezeichnete sie als die öffentliche Ordnung, Recht und Gesetz gefährdende Kommunisten. Die Staatsorgane schafften diese Arbeit nicht allein. Sie konnten sich dabei auf freundliche Helfer verlassen. Vor allem auf Mitglieder von Banden der organisierten Kriminalität.

Man schreibt heute fast nur noch vom Vietnamkrieg als einem der Auslöser der studentischen Proteste gegen die Art und Weise, wie die westlichen Staaten ihren Einfluss in der Welt durchsetzten. Indonesien geriet in Vergessenheit, auch die Zusammenarbeit der Diktatur zum Beispiel mit der Bundesrepublik Deutschland.

Der 1974 in Texas geborene Dokumentarfilmer Joshua Oppenheimer erinnert mit seinem Film „The Act of Killing“ an diese Zeit. Er interessiert sich, das macht schon der Titel klar, nicht für den Systemkonflikt zwischen Ost und West und die von ihm geförderten Bürgerkriege und Massenmorde. Ihn interessiert auch nicht, was die Regierung der USA – Lyndon B. Johnson – damals umtrieb, Suharto zu unterstützen. Oppenheimer interessieren die Killer und ihre Taten.

Wir sind dabei, wie Männer, die damals folterten, erdrosselten und Köpfe abschlugen, jetzt einen Film drehen, in dem sie all das noch einmal machen dürfen. Diesmal als Unterhaltung, wenn man will: als Kunst. In einer Szene zeigt einer, der als junger Mann seine Opfer mit einem bestimmten Verfahren erdrosselte, wie er das machte. Später betrachtet er diese Szene und meint: „Ich habe weiße Hosen an! Das ist Unsinn. Wir trugen niemals weiß! Wir hatten immer dunkle Sachen an.“ Wegen der Blutflecken.

Die Täter erzählen von ihren Taten. Sie erzählen davon, wie auch andere aus ihrer Jugend erzählen. Viel Prahlerei und doch auch ein wenig Nachdenklichkeit. Vor allem aber werden sie nicht müde zu betonen, dass sie Preman waren und sind, Gangster also. Das Wort kommt vom Holländischen Vrijman, dem freien Mann. Darauf kommt fast jeder der Akteure in Oppenheimers Film zurück. Sie seien nun mal freie Männer, die sich nichts vorschreiben ließen, schon gar nicht von Kommunisten. Sie seien Männer, die machten, was sie wollten.

Sie suchen sich die Kostüme zusammen für ihre Rollen. „Ich trug immer Jeans zum Killen!“ Es macht ihnen Spaß wieder einzuschüchtern, zu foltern, zu vergewaltigen. Diesmal tun sie es vor den Familien der Nachbarschaft, vor den Kindern. Es wird viel gelacht und applaudiert dabei. Es ist ja Theater, Kino. Gegen Ende kommen dann die Szenen, in der nicht mehr gezeigt wird, dass es Szenen sind und plötzlich schlägt das Künstliche um und wird real. Obwohl wir wissen, wie schwierig es war, die Schminke aufzutragen, wie penibel die Akteure von damals darauf achteten, dass alles war wie damals.

Die Regieanweisungen für die Darstellung der Taten werden von den Tätern gegeben. Dem gespielten Opfer von heute fließt wie den echten von damals beim Weinen der Rotz aus der Nase. Oppenheimer führt uns die Realität vor und gleichzeitig das Medium ihrer Präsentation. Wir sind immer bei beidem dabei.

Die Täter von damals schämen sich nicht. Aber einer hat Albträume. Er versucht, sie mit Musik und Tanz, mit den bunten Bildern von Soapoperas zu vertreiben. Vergebens. Er versucht es mit Alkohol, mit Marihuana, mit Ecstacy. Vergebens. Einen Psychiater konsultiert er nicht. „Dann müsste ich sagen, ich wäre verrückt“. Er weiß aber, dass er es nicht ist. Er hat nur Dinge gemacht, die über seine Kräfte gingen. Aber er ist stark genug, davon zu erzählen.

Während die Täter ihre Taten spielen – sie tun es mit Enthusiasmus – wird ihnen klar, dass sie die Bösen waren und nicht die Kommunisten. Sie sagen das in die Kamera. „Wir waren die Bösen.“ Ist es nicht unklug, das jetzt öffentlich zu machen? Ist es nicht schlecht für einen selbst und für das Bild, das man von Indonesien hat? Aber da ist auch die Lust an der Selbstdarstellung, auch der offenbar nicht klein zu kriegende Wunsch danach, sich zu sehen, nach der Verdopplung der eigenen Person. „Wir waren Gangster. Wir lebten wie Gangster. Wir töteten wie Gangster. Wir lebten nach dem Motto Relax and Rolex‘“.

The Act of Killing Dänemark, Norwegen, Großbritannien 2012. Regie: Joshua Oppenheimer, 159 Min.