Diesem Film fehlt offenbar der notwendige Ernst. Oder wie muss man verstehen, dass ein Superheld, dessen segensreiches Wirken doch immerhin der Rettung der ganzen Menschheit dienen soll, in allerlei adoleszente Dramen verwickelt ist? Kann die Menschheitsrettung wirklich ein so dringliches und schweres, eben ernstes Unterfangen sein, wenn der mit ihr beauftragte Spider-Man in seinem normalen Leben bloß ein Teenager ist, dessen vordringliche Sorge dem altersangemessenen Kleinklein aus Liebeskummer und Beziehungskrise, markerschütterndem Selbstzweifel und übergriffigem Elterngenerve gilt? Die Antwort lautet: Vielleicht schon.

Schauen wir uns den Sachverhalt nur einmal aus der Sicht von Spider-Man an. Er würde wohl in einem besonnenen Moment eingestehen, dass jede Ein-Mann-Weltrettungsphantasie eine pubertäre, zumeist Testosteron-gesteuerte Allmachtsillusion darstellt – und also ziemlich peinlich ist. Spider-Man könnte allerdings ergänzen, dass viele Menschen genau solche Erwartung an die Politik haben und auch viele Politiker diese Erwartung bei den Menschen wecken. Der allen Umfragen nach sehr verbreitete Glaube an den charismatischen Alleskönner, so schlussfolgerte dann unser Superheld, sagt doch vielmehr etwas über den unerwachsenen Zustand unserer Gesellschaft aus.

Abends im Park ein Eis

Treffer, versenkt! Schluss mit dem Dünkel gegen Superhelden. Spider-Man passt voll in unsere Zeit. Folgen wir ihm also in dem Film „The Amazing Spider-Man 2: Rise of Electro“ und sehen, wohin das führt. Nun, zweifellos zu Mord und Totschlag, einigen saftigen und allemal knochenbrechenden Faustkämpfen sowie zu ganz erheblichen Blechschäden auf den Straßen New Yorks. Wirklich sehenswert sind die Flugeinlagen unseres Superhelden, der sich an seinen Spinnenfäden rasant und elegant durch die abgrundtiefen Häuserschluchten von Manhattan hangelt – die 3D-Kamera macht hier jeden der Hunderte Meter gehenden Sturzflüge mit.

Neben diesem schwindelerregenden Treiben hat der Spinnenmann allerdings noch andere Dinge zu erledigen. Sie sind eher privater Natur und betreffen sein ziviles Alter Ego Peter Parker. Da muss zum Beispiel die Beziehung zu Gwen Stacy in Ordnung gebracht werden. Sie ist Peters große Liebe, beide gehen noch auf die High-School und treffen sich abends im Park auf ein Eis. Gwen (Emma Stone) ist so unschuldsblond wie schön und klug, sie weiß um Peters Doppelexistenz und möchte nicht länger hintenanstehen, sondern bei der Verbrechensbekämpfung endlich mitmachen. In einer dunklen Nacht willigt Peter Parker alias Spider-Man ein.

Eine folgenreiche Entscheidung, denn schnell gerät die aller Superkräfte abholde Gwen in größte Gefahr – und kommt es zu der rührendsten Liebesszene, die seit langem im Kino zu sehen war. Als Gwen nämlich in die Tiefe stürzt und am Boden zu zerschmettern droht, wirft Spider-Man ihr einen rettenden Faden hinterher. Und der ist nach Spinnenart nicht allein elastisch und klebrig – nein, an seiner Spitze formt sich sogar eine Hand, deren Finger sich nach der fallenden jungen Frau strecken, nach dem entschwindenden Lust-Objekt. Der Absturz geschieht in Sekundenbruchteilen, aber die Slow-Motion zerdehnt ihn zu einem endlosen Fest des Begehrens. So sieht wahre Liebe aus.

Und ein Unterschied wird sichtbar: In der vorangegangenen „Spider-Man“-Trilogie (2002 bis 2007) gab Tobey Maguire einen dauerverklemmten Peter Parker, in der „The Amazing Spider-Man“-Serie hat der leicht verwuselte Andrew Garfield übernommen. Als Spinnenmann macht er seinen Job ordentlich, doch als Peter Parker ist er ein labiles Persönchen, ein verdruckster Grunge-Typ – einer, der seine chaotische Gefühlswelt zwar noch etwas ungelenk, aber immerhin offen auslebt. Das ist bisweilen niedlich anzusehen: Wie ein Teenager sich, die Welt und die Sprache der Liebe peu à peu kennenlernt.

Der angerempelte Super-Niemand

Zugleich wird mit dieser Charakterisierung ein denkbar großer Kontrast zu seinem Gegenspieler aufgebaut: Electro. Der Film widmet ihm viel Zeit, und so lernen wir erst einmal den bei Oscorp Industries – einem dubiosen Gen-Konzern – arbeitenden Hauselektriker Max Dillon kennen. Er ist der absolut durchschnittliche, von seinem Mitmenschen stets übersehene und nur von den Arbeitskollegen insofern mit Aufmerksamkeit bedachte, da gehänselte, gemobbte sowie angerempelte Super-Niemand. Der von Jamie Foxx großartig gespielte Prügelknabe schluckt alle Demütigungen herunter. Aber sein innerer Groll wächst ins Unermessliche.

Bei einem Arbeitsunfall fällt Dillon mit zwei Starkstromkabeln in den Händen in ein Wasserbassin. In den schäumenden Fluten und dank einiger kräftig zubeißender Zitteraale verwandelt er sich in ein jedwede Elektrizität inhalierendes und tödlichen Elektrosmog ausspeiendes, bläulich britzelndes und menschheitsbedrohendes Super-Rache-Monster. An genau diesem Punkt hat der Regisseur Marc Webb die moralische Botschaft seines Films gesetzt: Wer wie Max Dillon seine Gefühle unterdrückt, muss ein böser Electro werden – und wird dann von dem guten und stärkeren, weil sich seine Schwächen eingestehenden Spider-Man verprügelt.

Nennen wir das eine hausbackende Moral. Und eine gute Grundlage für die Ein-Mann-Weltrettungs-Illusion.

The Amazing Spider-Man 2: Rise of Electro USA 2014. Regie: Marc Webb, Drehbuch: James Vanderbilt, Kamera: Dan Mindel, Darsteller: Andrew Garfield, Emma Stone, Jamie Foxx, Sally Field u.a.; 142 Minuten, Farbe. FSK ab 12.