Dass man die Black Keys noch einmal in einem kleinen Club wie dem Postbahnhof erleben darf – das ist ein seltenes Vergnügen geworden. Dabei bildet so ein 1000-Seelen-Ort eigentlich die ideale Umgebung für den ramponierten Bluesrock des aus Ohio stammenden Duos. Doch mit ihren letzten beiden Alben, „Brothers“ (2010) und „El Camino“ (2011), haben die Black Keys sich an die Chartsspitzen gespielt und in die Stadien und Großarenen der Welt; die 20000 Plätze des New Yorker Madison Square Garden etwa konnten sie kürzlich in einer Viertelstunde ausverkaufen.

Entsprechend exklusiv war ihr Auftritt am Sonntag in Berlin; das Publikum bestand vorwiegend aus geladenen Facharbeitern. Es handelte sich andererseits nur um einen etwa 50-minütigen Teaser für ihr neues, achtes Album „Turn Blue“, das am kommenden Freitag erscheint; zugleich ein Aufwärmtraining für die anstehenden Promotion-Termine bis zum Tourbeginn im Herbst.

Entsprechend vorläufig wirkte das Programm, das Gitarrist Dan Auerbach und Drummer Pat Carney – verstärkt durch einen Bassisten und einen Keyboarder – präsentierten. Gestreut zwischen ein paar der letzten Hitsingles wie das stadionhymnische „Lonely Boy“ oder „Howling for You“ gab es gerade mal fünf neue Songs, von denen wiederum drei schon über die letzten Wochen erschienen waren.

Dramaturgisch gesehen hatte man es also mit einer Art Skizze der vorausberechneten, knackigen Konzerthöhepunkte zu tun – was der Band und dem neuen Album nicht ganz gerecht wird.

Die Zahl ihrer froh vorwärts rumpelnden, eingängig poppigen Stücke ist mittlerweile ziemlich bemerkenswert. Auch „Fever“, die erste Single des neuen Albums, reiht sich fröhlich fiepend, super schlicht harmonisiert und mitsingfähig ein. Im Ganzen jedoch zeigt „Turn Blue“ eindrucksvoll, wie überaus variantenreich und farbenfroh sich das Duo innerhalb der selbstgesteckten Grenzen aus Sixties-Garage, altem Soul und älterem elektrischen Blues bewegt – evolutionär zweifellos der Höhepunkt ihres Schaffens.

Fans der ersten Stunde – das räumen auch Auerbach und Carney ein – reagieren eher skeptisch darauf, wie die beiden ihre archaische, grobkantige Direktheit in die verschiedensten Richtungen verfeinern. Dabei konnte man schon auf ihrem Debüt aus dem Jahr 2002 Dynamiken und Tonlagen hören, die sich nicht in Retro und Blues erschöpften. Die beiden, so erklären sie in Interviews, verstanden ihre Musik seit je als „Rock, der sich wie HipHop anfühlt“, gleichermaßen beeinflusst von Bluestraditionalisten wie Auerbachs Vorbild Junior Kimbrough, apokryphen Bluesrockern wie Captain Beefheart und dem Wu-Tang-Clan, mit dessen RZA und Raekwon (und einigen weiteren HipHoppern) sie schon 2009 ein Album als Blakroc aufnahmen.

Verändert hat sich mit der Zeit weniger der grundsätzliche musikalische Ansatz, sondern vielmehr die Sphäre, in der die Musik spielt. Als Katalysator für den Sprung in den massenbegeisternden Pop wirkte Produzent Brian Burton alias Danger Mouse, der 2008 für das fünfte Album „Attack & Release“ erstmals mit der Band zusammengearbeitet hat. Er war auch diesmal am Großteil der Stücke beteiligt und ist, sagen die beiden, „im Studio mittlerweile ein drittes Bandmitglied“, was man sich angesichts von Burtons Vorliebe für staubige Sixties-Sounds gut vorstellen kann.

Doch mit dem gleichen Trotz, mit dem die Black Keys darauf bestehen, sich ihren Erfolg hart, aber kompromisslos verdient zu haben, widersprechen sie allen Vermutungen, die jüngsten Veränderungen im Sound seien dem Meisterproduzenten zu danken. Immerhin produzieren beide auch selbst, Auerbach erhielt für seine Arbeit an Dr. Johns „Locked Down“ 2013 sogar einen Grammy, und auch die High-End-Retrosängerin Lana Del Rey zog es für ihr eventuell demnächst erscheinendes zweites Album „Ultraviolence“ in sein Studio in Nashville.

Im Gegensatz zum Vorgänger „El Camino“ fehlen auf „Turn Blue“ nun meist die satten Glamrockmotive, die Stimmung ist deutlich verhangener, weil, sagt die Band, Auerbach hier seine Scheidung verarbeiten musste. Umso dichter und dramatischer geht es in den Stücken zu, die Gitarren erheben sich zu unerhörter psychedelischer Macht, zu schnörkligem oder fein singendem Ton, Orgeln verschiedenster Vintagejahrgänge treten auf, und Auerbachs Falsettgesang und die schiefen Jungschöre klingen sicherer denn je.

Im Konzert deutet sich diese Studiokompetenz nur an, und zum Beispiel am Spannungsbogen des Einstiegsstücks mit seinen möwenartig schweifenden Gitarrenlinien bemerkt man ein gewisses Probendefizit. Gerade im Kontext der gut eingespielten älteren Titel fehlt den komplexeren neuen noch ein wenig die großartige Sicherheit des wuchtig swingenden Timings, mit dem Carney die Gitarrenbrocken Auerbachs stemmt.

Doch egal, das wird schon noch. Mit genügend Spielpraxis vermögen einen die Black Keys allein durch ihre Duo-Dynamik auch in den größten Hallen zu packen. Und eine quasi-intime Kurzstrecke wie im Postbahnhof bewältigen sie auch mit Trainingsrückstand noch in prachtvoller Konsequenz.

The Black Keys: Turn Blue (Nonesuch/ Warner) – erscheint am 9. Mai