Berlin - Kaum ist die Berlinale vorbei, und schon wieder ist Premiere am Potsdamer Platz. Gegen viertel vor acht dürfte an diesem Donnerstagabend mit Ankunft des Hauptdarstellers am Cinemaxx-Kino ein Trubel losbrechen, wie man ihn auch beim Festival nicht jeden Tag erlebte. Kivanç Tatlitug heißt dieser dem deutschen Publikum noch unbekannte Star, der nicht nur in der Türkei zu den größten Fernsehidolen zählt. Auch im Nahen Osten und auf dem Balkan ist der ehemalige Basketballprofi als Serienstar und Model ein „household name“.

Zum ersten Mal feiert mit „The Butterfly’s Dream“ ein türkischer Blockbuster eine deutsche Premierengala – ein hemmungslos romantisches Melodram von erstaunlicher Wucht. Regisseur, Autor und Nebendarsteller Yilmaz Erdoğan ist durch seine Hauptrolle in Nuri Bilge Ceylans verhaltenem Thriller „Once Upon a Time in Anatolia“ auch im Kunstkino ein Begriff. In der Türkei schätzt man ihn aber vor allem als Autor satirischer Filmkomödien wie „Krumme Dinger am Bosporus“.

Hier nun holt er aus zu einem Historiengemälde über die Jugendfreundschaft zweier Dichter, die während des Zweiten Weltkriegs durch ein Gesetz zur Zwangsarbeit in einem Bergwerk am Schwarzen Meer verurteilt werden. Es sind die früh verstorbenen Muzaffer Tayyip Uslu und Rüstü Onur, deren Werke im Film weidlich rezitiert werden. Eine Frau, die sie beide begehren, soll entscheiden, wer das bessere Gedicht geschrieben hat. Dass sie sich für das Gedicht des einen und die Liebe des anderen entscheiden wird, entzweit die Freunde nicht. Erfüllen aber werden sich beider Leben kaum, was auch die Metapher des Titels erklärt – den Traum, des nicht entpuppten Schmetterlings.

Werbung für die Dichtkunst

Meisterlich orchestriert der Film die Hoffnung und das Wünschen der jungen Männer, und auch das Liebesglück erscheint hier in der Möglichkeit präsenter als in der Realität. Dabei gelingt Erdogan eine hinreißend unschuldige Liebesszene, die alles Zeug zum Klassiker hat: Muzzafer, gespielt von Tatlitug, hat seine geliebte Suzan (Belçim Bilgin) als Mann verkleidet ins Bergwerk eingeschleust. Um die Tarnung perfekt zumachen, schmiert man sich zärtlich Ruß ins Gesicht – was die erste physische Annäherung des Paars darstellt. Die Abwesenheit von Sex unterscheidet dieses Kino – mit Blick auf die Märkte im Nahen Osten – radikal von Hollywoods jüngeren Melodramen, etwa den Nicholas-Sparks-Verfilmungen.

Was an „A Butterfly’s Dream“ besonders berührt, ist seine Werbung für die Dichtkunst – Regisseur Erdogan ist selbst nebenbei Lyriker. Es ist schon ein Erlebnis, wie hier über eine Laufzeit von zweieinviertel Stunden ohne äußere Action höchster Unterhaltungsanspruch verwirklicht wird. Man kann es nur kunstvoll nennen. Auch wenn einem mitunter die rosaroten Abendhimmel ein wenig zu bunt erscheinen können und einmal in eine Viertelstunde drei Begräbnisse passen müssen – emotional ist man immer dabei. Es ist eine Sorte Gefühlskino, die nicht nur von Sehnsucht handelt, sondern selbst eine Sehnsucht befriedigt: nach einem noch immer lebendigen klassischen Kinoerfahrung.