Seine lange und abwechslungsreiche Karriere hat Bob Dylan schließlich auch die ehrwürdige Mitgliedschaft an der Berliner Akademie der Künste eingebracht – als Filmemacher. Eines der jüngeren Werke, das sein Schaffen als Filmkünstler dokumentiert, ist ein Video zu seinem Song „Like a Rolling Stone“ in 16 Clips.

Der Zuschauer kann zwischen 16 Kanälen wählen, auf denen er Menschen sieht, die Tennis spielen, Börsenkurse kommentieren, predigen oder Kaufempfehlungen geben, mehr oder weniger lippensynchron zu einem Stück, das immer wieder einmal als wichtigstes, bestes oder einflussreichstes Stück der Popgeschichte bezeichnet wird. Ein Song mit einer Legende, die vor ehrfürchtiger Authentizität geradezu zu bersten scheint, im Modus grotesk banalisierender Vervielfältigung. Der Filmkünstler Dylan wirft einen ironischen Blick auf Mechanismen, durch die emphatische Augenblicke in serielle Verwertbarkeit überführt werden.

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An Mythen und Dekonstruktionen derselben zur Entstehungs- und Wirkungsgeschichte von „Like a Rolling Stone“ mangelt es nicht. Am dichtesten hat das Greil Marcus 2005 in seiner „Biographie eines Songs“ wiedergegeben, nicht ohne eine gehörige Portion Pathos. Für Marcus spiegelt „Like a Rolling Stone“ aus dem Jahr 1965 eine große Unruhe, in der für einen Augenblick alles möglich schien: „Die Welt des Pop befand sich in einem Wettrennen mit der Welt an sich, der Welt der Kriege und Wahlen, der Arbeit und Freizeit, der Reichen und Armen, der Weißen und Schwarzen, der Männer und Frauen – und 1965 konnte man spüren, dass die Welt des Pop im Begriff stand, den Wettlauf zu gewinnen.“

Schreck der Folkpuristen

Für alle, die in den heroischen Zeiten nicht dabei sein konnten, hat Columbia Records nun eine sechs CDs umfassende Dokumentation aufgelegt, mit der man Bob Dylan ins Kraftwerk seiner kreativen Schübe begleiten kann. Der Mann war gut drauf, und er hatte es drauf. Binnen 14 Monaten entstanden drei Alben, die die Popgeschichte zu ihren Höhepunkten zählt: „Bringing it all Back Home“, „Highway 61 Revisited“ und „Blonde on Blonde“. Zwischendurch schockierte Dylan auf dem Newport Festival die Welt der Folkpuristen mit elektrisch verstärkter Gitarre und ging mit einer Band namens The Hawks auf Tournee, die später als The Band unvergesslich wurde. Gemeinplätze in der Dylan-Chronik.

Große Linien und Randnotizen einer popkulturellen Jahrhundertbiografie lassen sich anhand der nun in die Öffentlichkeit entlassenen Studioexkursionen studieren, reichlich Material für unverbesserliche Dylan-Exegeten, die von ihrem Bobby-Hobby nicht lassen mögen. Aber es geht natürlich um mehr. Die Sammlung „The Cutting Edge“, Teil 12 der Bootleg-Serie, ist eine Werkstattbiografie, die die Arbeitsweise eines Musikers und Songschreibers dokumentiert, der vor allem auch auf experimentierfreudige Kollegen angewiesen war, mit denen der Mix aus Planbarkeit und Unvorhersehbarem erst zu entstehen vermochte. Es ist sehr rührend im Booklet nachzulesen, wie der Gitarrist Al Kooper im Studio eher zufällig an die Orgel geriet und „Like a Rolling Stone“ durch sein Spiel erst jene Aura verlieh, der Greil Marcus eine historische Tiefenwirkung attestierte.

Wer mit hinreichendem Forscherinteresse ausgestattet ist, der wird seine Freude daran haben, wie Dylan im Studio Texte, Tempi und Instrumentierungen einzelner Stücke ausprobierte, mal spielerisch verwuselt, mal konzentriert und im vollen Bewusstsein der eigenen Legendenbildung. „Like a Rolling Stone“ ist eine eigene CD in 20 Takes gewidmet, besonders ans Herz gehend auch die vier Versionen des weniger bekannten „She’s Your Lover Now“, in dem Dylan eine Trennungsgeschichte in beißender Verletzlichkeit durcharbeitet.

Nervös bis kontemplativ

Dylan in Variationen, nervös und hastig, aber auch ausgeruht und kontemplativ. Manchen Stücken kann man in der Phase ihres Entstehens zuhören, andere aus dieser Zeit fehlen völlig, weil Dylan sie gleich beim ersten Einspielen für fertig und abgeschlossen erklärte. So kam es, dass der Produzent Tom Wilson am 15. Januar 1965 rasch alle Bänder voll hatte. An diesem Tag nahm Dylan nicht weniger als sechs Stücke auf, darunter Klassiker wie „Maggies Farm“, „Mr. Tambourine Man“ und „It’s All Right Ma, (I’m only bleeding)“. Draußen lief alles auf eine Kulturevolution zu, Dylan schien es eilig gehabt zu haben in diesen Tagen.