Die Stimmung im Saal war zum Bersten gespannt als der 90-jährige Historiker Raul Hilberg in seinem letzten Vortrag in Berlin im Jahr 2007 über die „Selbstverständlichkeit“ der Vernichtung der Juden sprach. Es habe des Befehls zu einer sogenannten „Endlösung“ nicht bedurft. Im Bewusstsein der Architekten des Holocausts sei sie in einem buchstäblichen Sinne selbstverständlich gewesen.

Hilberg reihte Fakten aneinander, zitierte und fasste zusammen. Er sprach frei, scheinbar ohne ein vor ihm liegendes Manuskript, als sei alles für immer fest in seinem Gedächtnis verankert. Es war ein beinahe tonloser Vortrag, die Spannung erwuchs aus den schier unfassbaren Fakten, die der Holocaustforscher gewissenhaft und in großer Ruhe aneinanderreihte.

Raul Hilberg referierte nicht nur, er schien vielmehr die Haltung eines Menschen zu verkörpern, der die wissenschaftliche Durchdringung eines monströsen Verbrechens gegen die Menschlichkeit zu seinem Lebenszweck gemacht hatte.

Warum die Veröffentlichung des Werkes verhindert wurde

Die Stimmung im Saal war von großer Zuneigung geprägt, längst galt Raul Hilberg als einer der renommiertesten Forscher seiner Zunft. Sein 1961 erschienenes Werk „The Destruction of The European Jews“ gilt seit vielen Jahren als Standardwerk, das Forscher und Leser gleichermaßen durch Detailfülle sowie seine große soziologische Distanz besticht. Hilberg war einer der ersten, der darauf verwies, dass der Holocaust nicht zuletzt auch das Werk einer akademisch gebildeten Elite war. In Deutschland ist das Buch „Die Vernichtung der europäischen Juden“ mit großer Verspätung erst 1982 vollständig übersetzt erschienen. Wurde es hierzulande lange verhindert?

Die Frage hat der Berliner Historiker Götz Aly in einem Vortrag, den er am Dienstag auf einer Tagung der Friedrich-Ebert-Stiftung und des Zentrums für zeithistorische Forschung Potsdam anlässlich des 10. Todestages von Raul Hilberg hielt, eindeutig bejaht. „Wie deutsche Historiker und Verlage die Übersetzung von Raul Hilbergs Buch ,The Destruction of the European Jews’ behinderten. Ein Sittenbild“ lautete der Titel von Alys Ausführungen, zu denen er aufgrund von gemeinsamen Archivstudien mit seinem Kollegen René Schlott gelangt ist.

Im Kern geht es dabei um die Frage, warum der Verlag Droemer Knauer, der die Rechte an Hilbergs Buch 1963 erworben hatte, diese zwei Jahre später unverrichteter Dinge wieder zurückgab. Götz Aly, den Lesern dieser Zeitung als Kolumnist bekannt, ist sich sicher: „Das geschah nicht zuletzt aufgrund eines negativen Votums ausgerechnet der Institution, die die junge Bundesrepublik zur Erforschung der NS-Gewaltherrschaft gegründet hatte, nämlich des Instituts für Zeitgeschichte (IfZ) München.“

Fehleinschätzungen der Koryphäen

In dem Gutachten wurde bemängelt, dass Hilberg lediglich „die technisch-organisatorische Seite der Judenausrottung“ schildere und „die Frage, wie sich das Programm zur Endlösung durchsetzte, nur am Rande“ behandele.

Götz Aly unterstellt dem IfZ institutsstrategische Absichten. Es sei nicht zuletzt darum gegangen „den fast fertigen Zweibänder ,Anatomie des SS-Staates’ vor dem deutlich besseren Buch Hilbergs zu schützen. Der Fall Hilberg war laut Aly kein Einzelfall, ganz ähnlich sei das IfZ mit dem Buch „Der verwaltete Mensch. Studien zur Deportation der Juden aus Deutschland“ von H. G. Adler verfahren, wobei in diesem Fall der Veröffentlichung einer Publikation des Historikers Wolfgang Scheffler der Vorrang eingeräumt worden sei.

Eine Schlüsselrolle bei der von Wissenschaftsdünkel geleiteten Veröffentlichungspolitik schreibt Aly den Historikern Martin Broszat und dem damaligen IfZ-Leiter Helmut Krausnick zu, die bis heute als Koryphäen der deutschen Geschichtsschreibung gelten. Aber es blieb keineswegs bei der Fehleinschätzung der frühen 1960er-Jahre durch das IfZ. Als der C. H. Beck Verlag, angeregt durch den großen Erfolg der Fernsehserie „Holocaust“, 1979 erwog, Hilbergs Buch zu veröffentlichen, wurde das IfZ erneut um eine Einschätzung gebeten.

Es ging um Konkurrenz

Sie fiel abermals negativ aus. Man verwies kleinlich auf Fehler und war ferner der Ansicht, Hilbergs Buch sei nunmehr veraltet. Es sollte also noch einmal fast drei Jahre dauern, bis der kleiner Berliner Verlag Olle & Wolter sich zu einer Veröffentlichung entschloss. Die Indizien, die Schlott und Aly zusammengetragen haben, werfen kein gutes Licht auf die Rolle des Instituts für Zeitgeschichte. Aly legt nahe, dass man sogar so weit gegangen sei, die Erkenntnisse Raul Hilbergs dezent für eigene Publikationen auszuschlachten.

Ein weiteres gegen die Übersetzung Hilbergs gerichtetes Motiv sieht Aly in der „Einbildung, zunftbewusste deutsche Geschichtswissenschaftler verfügten über die besseren Methoden, könnten sich in objektiver Weise in die nationalsozialistische Zeit einfühlen, die Dokumente fachgerecht und quellenkritisch angemessen interpretieren. Die tonangebende männliche Führung des IfZ pflegte den Dünkel, dass es ihr besser gelänge, „diese Vorgänge historisch ver(stehbar zu machen)“, wie es am fragmentierten Ende des IfZ-Gutachtens von 1964 ergänzt heißt.“

Es ging, davon ist Götz Aly angesichts der von ihm zusammengetragenen Dokumente überzeugt, ganz schnöde um Konkurrenz. „1964 glaubten die IfZ-Historiker, bald selbst den Stein des Weisen, die umfassende Gesamtinterpretation der NS-Zeit zu finden. 1980 wollten sie das frühere Urteil nicht revidieren.“

Kämpfe um Deutungshoheit

Raul Hilberg registrierte die zähe Publikationsgeschichte seines Forschungsklassikers übrigens mit stoischer Gelassenheit. Schon bei der Erstveröffentlichung hatte es Vorbehalte aus Israel gegeben, die für ihn weit enttäuschender waren. Von der Forschungsstätte Yad Vashem war ein Antrag auf einen Druckkostenzuschuss abgelehnt worden. „Hier war das erste negative Urteil über mein Manuskript“, hat Hilberg einmal resümierend gesagt. „Und diese Kugeln kamen aus Jerusalem.“

Ob Götz Alys Recherchen nun für die deutsche Geschichtswissenschaft die Wirkung von Geschossen haben, wird sich zeigen. Zweifellos aber verweisen sie auf einen akademischen Betrieb, der wenige Jahre nach dem Ende der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft nicht allein mit den Mühen der Aufklärung befasst, sondern auch in fragwürdige Kämpfe um Deutungshoheit verstrickt war.