Berlin - Vorsicht, Verwechslungsgefahr beim Googeln: Steve Wynn gibt es in der US-Öffentlichkeit gleich zweimal, aber der Unterschied zwischen den beiden Männern könnte kaum größer sein.

Hier soll es nun nicht um den Milliardär, Casino-Betreiber und Trump-Unterstützer Wynn gehen, der kürzlich 80 wurde. Sondern um einen der verdientesten amerikanischen Rockmusiker, der mit The Dream Syndicate einen Sound geprägt hat und jetzt erneut ein sehr starkes Band-Album vorlegt.

Kommerz hat Steve Wynn nie primär interessiert

Der 62-jährige Gitarrist und Sänger Steve Wynn verkörpert mit seiner sympathischen Erscheinung und seiner künstlerischen Integrität für viele Fans das Gute in der US-Rockmusik. In den 1980er Jahren, als kühle Synthiepop-Sounds und visuelle Oberflächlichkeit die Szene dominierten, fuhr er mit The Dream Syndicate raue, psychedelisch explosive Gitarren-Bretter auf, die in den Sixties andockten. Nach der Trennung 1989 machte er solo oder als Frontmann in anderen sehr respektablen Bands wie Gutterball, The Baseball Project oder Steve Wynn & The Miracle 3 weiter - stets neugierig und ohne auf den Kommerz zu schielen.

Nach einer Live-Reunion 2012 gibt es The Dream Syndicate nun auch wieder mit regelmäßigen Neuveröffentlichungen - „Ultraviolet Battle Hymns And True Confessions“ ist bereits das vierte Album seit dem triumphalen Comeback „How Did I Find Myself Here?“ (2017). Und im Gegensatz zum etwas abgedrehten, mit rohen Jazz-Elementen experimentierenden Vorgänger „The Universe Inside“ (2020) sind die zehn neuen Songs wieder zugänglicher und fokussierter. Jedoch niemals glatt - die ihnen einst vorhergesagte Karriere in R.E.M.-Dimensionen werden Wynn und sein Syndikat sicher nicht mehr machen.

Jazziges Gebläse findet sich nun zwar auch in aktuellen Stücken wie „My Lazy Mind“, „Lesson Number One“ oder „Damian“, aber die Songstruktur geht hier nicht mehr verloren. Zudem hat die aktuelle Band - neben Wynn noch Gründungsmitglied Dennis Duck (Schlagzeug), Mark Walton (Bass), Jason Victor (Lead-Gitarre) und Chris Cacavas (Keyboards) - Krautrock und Glampop in ihren Sound integriert, der schon im wuchtigen Opener „Where I'll Stand“ zu neuer Blüte findet.

Musik wie eine Droge ohne Drogen

Unverwechselbar nach dem noch jungen Dream Syndicate vor 40 Jahren klingt weiterhin Wynns nasale Stimme, die mal an Bob Dylan, noch öfter aber an Lou Reed erinnert. „Ich mache Kompromisse bei dem, was ich esse oder wo ich schlafe - aber ich mache keine Kompromisse bei der Musik, die ich spiele“, sagt der Syndikats-Boss über seine künstlerische Standhaftigkeit. Am besten lässt sich dieser hehre Anspruch beim tollen Psych-Rocker „Beyond Control“ nachvollziehen, in dem sich diverse Gitarren über einem motorischen Rhythmus umkreisen.

„Die Art von Comeback, die man sich immer von seiner Lieblingsband wünscht“, schrieb das britische Musikmagazin „Mojo“ 2017 über die Rückkehr der alten Helden. In einem Interview der Deutschen Presse-Agentur sagte Wynn damals in Berlin: „Mal ehrlich: Wer kann sich schon an Bands erinnern, deren Platten nach einer Reunion so gut waren wie am Anfang?“ Da schwang schon mit, dass er selbst mit The Dream Syndicate die Ausnahme von der Regel sein wollte.

Die neue Musik sei „bewusstseinserweiternd im besten Sinne, eine Droge ohne Drogen“, fügte der 1960 in Los Angeles geborene Wynn seinerzeit noch zufrieden hinzu. Ein Trip ohne Reue mit einer jung gebliebenen Veteranen-Band - diese Einschätzung trifft fünf Jahre später auch auf „Ultraviolet Battle Hymns And True Confessions“ zu. Keine geringe Leistung - auch wenn man damit nicht so reich wird wie der Steve Wynn aus Las Vegas.