Eine junge Frau opfert ihr gutbürgerliches Leben, um mit einer Bande halbverwilderter Desperados im Wald zu hausen. Normal ist das nicht. Aber Sarah ist auch, allem Anschein ihrer Darstellerin Brit Marling zum Trotz, keine normale Frau. Die ehemalige FBI-Agentin arbeitet bei einer privaten Sicherheitsagentur, im orwellschen Sinne: Hiller Brood, so der Name der Firma, schützt nicht die Sicherheit und auch nicht das Gesetz, sondern die Interessen privater Großkonzerne – mit undurchsichtigen Mitteln. Im Auftrag ihrer Chefin (ungewohnt diabolisch: Patricia Clarkson) infiltriert Sarah eine Gruppe von Öko-Terroristen. Sie nennen sich The East und verfolgen das Ziel, es den Verursachern von Umweltkatastrophen mit gleicher Münze heimzuzahlen.

Wie in „The East“ zwei Geheimsysteme miteinander ringen, sieht man am Gesicht der jungen Agentin. Blanke Folie für unsere eigenen Eindrücke, ist sie abgestoßen, verwundert, fasziniert von den schrägen Aktivisten. Die leben die Anarchie nicht nur in der direkten Aktion – unter anderem vergiften sie die Führungsriege eines Pharmakonzerns mit dem eigenen, gehirnschädigenden Präparat –, sondern auch untereinander. Zu ihren Initiationsriten gehören eine Art Taufe sowie ein Abendmahl-ähnliches Gemeinschaftsessen, bei dem sich die Mitglieder in Zwangsjacken gegenseitig füttern. Religiöse Motive spielen mit hinein, als jesusgleichen Anführer sieht man Alexander Skårsgard, sonst bekannt als Vampir-Sheriff in der US-Serie „True Blood“. Sein Charisma wirkt hier ähnlich.

Zum zweiten Mal nach „Sound of My Voice“ schrieb Brit Maling hier gemeinsam mit dem Filmemacher Zal Batmanglij das Drehbuch. Ihrer Rolle näherte sie sich wie Sarah der obskuren Gruppe: Zwei Monate lebte sie nach den Maximen des „Freeganismus“, dessen Anhänger sich aus Protest gegen die Konsumgesellschaft ausschließlich von weggeworfenen Lebensmitteln ernähren. Diese kalkulierte, auf ein Ziel gerichtete Leidenschaft leitet auch den Film. Die vorgeführten Rituale mögen uns genau wie Sarah seltsam erscheinen; doch die Frage, warum unsere konsumkonformen Verhaltensweisen eigentlich als normal gelten, ist damit schon gestellt.

Die weiterreichende Frage nach der Gewalt („Wenn wir Menschen verletzen, sind wir dann nicht genau wie die?“) wird kaum diskutiert. Dass es mittlerweile wirksamere Methoden der Massenmobilisierung gibt, hat im Kollektivdenken keinen Platz. Und doch gehört „The East“ zweifellos zu jenen neueren Filmen, die den Zielen der Occupy-Bewegung künstlerische Form geben. Er ist sogar, bisher jedenfalls, der beste. Batmanglij und Marling suchen keinen Beifall, zeigen zwischen zwei Systemen keine Lösung, sondern stellen sich in eine Tradition libertärer US-Fiction, die linken wie rechten Heilsbotschaften misstraut. Dem Zuschauer wird überlassen, was er daraus macht. Eben damit nehmen sie Occupy ernst, in einem klugen Independent-Film, der nebenbei funktioniert wie ein klassischer Thriller.

The East USA 2013. Regie: Zal Batmanglij, Drehbuch: Zal Batmanglij, Brit Marling, Darsteller: Brit Marling, Alexander Skårsgard, Ellen Page, Patricia Clarkson u. a.; 116 Minuten, Farbe. FSK ab 12.