Alles begann wie eine Episode des süßen Studentenlebens, in einer Wohngemeinschaft im italienischen Perugia in der Via della Pergola Nummer 7. Dort hatten sich im Jahr 2007 die Amerikanerin Amanda Knox und die Engländerin Meredith Kercher einquartiert. Es gab romantische Beziehungen, man ging auf Konzerte, diskutierte die Nächte hindurch. Dann fand die Polizei in der Nacht vom 1. auf den 2. November Kerchers grausam zugerichtete Leiche.

Der Verdacht fiel auf Amanda Knox, sie verwandelte sich von der harmlosen Studentin wahlweise in eine Sex-Bestie oder einen Junkie, wurde verurteilt und wieder freigesprochen. Ein weiteres Urteil hat den Freispruch vor kurzem erst bestätigt. Was sich in jener Nacht tatsächlich zugetragen hat, liegt bis heute im Dunkeln.

Insofern horchte man umso mehr auf, als sich Michael Winterbottom an die Verfilmung dieses Falls machte, der auch ein Fall der italienischen Justiz ist, denn diese geriet zumindest in den USA mindestens ebenso sehr in den Fokus des Interesses wie der Mord selbst.

Wie würde Winterbottom von einem Geschehen erzählen, über dem noch immer ein Geheimnis liegt? Auf welche Seite würde er sich schlagen? Winterbottom hat sich – leider, wie man sagen muss – für eine Lösung entschieden, die ihm vermeintliche Neutralität erlaubt, aber gerade deshalb auch so naheliegend erscheint: Er hat einen Film über einen Filmemacher gedreht, der einen Film über Amanda Knox, den Mord und den Prozess dreht. „The Face of an Angel“ ist also kein Film über ein Verbrechen, sondern über eine Recherche.

Schon deswegen haftet der Geschichte von der ersten Szene an etwas Insiderhaftes an. Die Handlung spielt zwar nicht in Perugia, sondern in Siena, und auch die Namen der handelnden Personen sind aus Gründen des Persönlichkeitsrechts geändert, aber mit schwankender Handkamera und ruppigen Schnitten begibt sich Winterbottom wie ein Reporter mitten hinein in ein authentisch zertifiziertes Geschehen: Wir stecken mit den Prozessbeobachtern die Köpfe zusammen, hören mit an, wie sie die Indizien deuten und eifrig vorverurteilen, wir streifen mit einem Blogger durchs nächtliche Siena und lauschen allerhand Verschwörungstheorien – ja wir sind auch dabei, wenn sich Thomas, der von Daniel Brühl gespielte Filmemacher, in seine schöne Informantin (Kate Beckinsale) verliebt. Jeder hat hier seine Theorie, und Winterbottom hält sich von jeder fern.

Der Charme einer Versuchsanordnung

Er ist im Grunde als Erkenntnistheoretiker in eigener Sache unterwegs. Welchen Bildern, welcher Geschichte kann man trauen, wie stellt sich Wahrheit im Durcheinander der Meinungen und Medien überhaupt her? Nicht umsonst gerät Thomas mit zunehmender Dauer des Films in einen mit offenen Augen durchlebten Albtraum, in dem die Zweifel gravierender werden als die Gewissheiten – das alles ist ehrenvoll, doch allzu offensichtlich besitzt „The Face of an Angel“ den Charme einer Versuchsanordnung mit Metaebene, die ihrer eigenen Starrheit durch ziemlich spekulative Tricks und nicht wenige Klischees zu entrinnen versucht.

Den Vogel schießt die Figur der Studentin Melanie ab, die Cara Delevingne als leichthin einher hüpfende Unschuld spielt. Sie bezeugt leibhaftig die Sphäre, aus der die Protagonistinnen des Mordfalls, Amanda Knox und Meredith Kercher, stammten, und Melanie ist es schließlich, die Dantes „Höllenfahrt“ lesend Thomas Lang aus seinem eigenen Fegefeuer hinaushilft: Nicht mit dem Anspruch, die Wahrheit zu finden, endet der Film, sondern mit einem moralischen Appell. Denkt an die Würde des Opfers!, dies ruft uns Winterbottom zum Finale zu, wenn Thomas und Melanie aus dem labyrinthisch verwinkelten Siena fliehen und der Blick übers Meer und in die Weite schweift. Keine Spekulationen mehr, kein Rätselraten, keine Geheimniskrämerei: Dante weist den Weg aus der Medienhölle, und die blonde Melanie ist der neue Engel, den es zu beschützen gilt. Wenn das mal nicht selbst eine Mystifizierung ist.