Mit Masken treten uns die Akteure aus dem tiefen Rund der Volksbühne entgegen. Kalkige Masken, die schon ein wenig nach Mumifizierung aussehen. Letzte Abdrücke einer vergangenen Realität. „Journalismus ist keine Archäologie“ heißt es einmal. Aber Kunst, so scheint dieses Eingangsbild sagen zu wollen, kann sehr wohl archäologisch sein. Ausgrabung dessen, was schnell von der Tagesbildfläche verschwindet.

In „The Factory“ nehmen sich Autor Mohammad Al Attar und Regisseur Omar Abusaada den Fall des französischen Baustoffkonzerns Lafarge vor, der Schutzgeld an die Terrormiliz IS zahlte, um auch in Kriegszeiten seine lukrative Zementproduktion im Norden Syriens aufrecht zu erhalten. In Erzählungen und losen Interviewszenen werden Recherchen der französischen Journalistin Maryam (Lina Murad) rekapituliert, die ihren Ausgangspunkt bei einer Notruf-Email des Fabrikarbeiters Ahmad (Mustafa Kur) hatten.

Geschäfte mit dem Westen

Wir sehen Maryam mit dem Assad-nahen Geschäftsmann Firas (Ramzi Choukair) und dem syrisch-kanadischen Geschäftsmann Amr (Saad Al Ghefar), die bruchstückhaft Informationen über die harten Arbeitsbedingungen vor Ort und die Verflechtungen des Westens preisgeben. Wobei die Figuren vor allem ausgiebig ihre jeweilige subjektive Situation spiegeln und eher wenig zum Fall selbst sprechen. Am intensivsten im Finale, wenn Mustafa Kur die Furcht der Arbeiter und die Flucht aus Syrien schildert. Dies wie praktisch alles an diesem Abend auf Arabisch, mitzulesen in Übertiteln die auf einen Bunkerturm in der Bühnenmitte projiziert werden.

Im Ganzen bleibt der Wirtschaftskrimi im Vagen. Was auf den ersten Blick wie dokumentarisches Theater anmutet und spielerisch auch mit der gewohnten Kargheit des Dokumentarismus aufwartet, lässt gerade die Kerntugenden des Genres vermissen: die genaue Schilderung von sozialen und politischen Verhältnissen.

Inhaltliche Blässe

Man kennt diese inhaltliche Blässe von Al Attar/Abusaada. Vor einem Jahr steuerten die beiden zum Intendanzauftakt der Volksbühne unter Chris Dercon eine „Iphigenie“ bei, in der syrische Laiendarstellerinnen ihre Erwartungen ans Theater und eben an die Rolle der Iphigenie formulieren sollten. Und sich in Innerlichkeit verloren.

Auch der neue Abend dringt nicht zur Welt vor, nicht zur konkreten Lage in Syrien, zu den Konfliktparteien und ihren Zielen. Er bietet nur eine unausgeleuchtete, wiewohl suggestive Allegorie fürs Große und Ganze: „Die Welt soll erfahren, dass die Fabrik eine Miniatur war: von Syrien und allem, was da geschieht.“

The Factory 29.9. (mit Einführung 18.45) sowie 6., 14., 18.10., jeweils 19.30 Uhr, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Karten unter Tel.: 24 06 57 77