Die Band The Flaming Lips.
Foto: George Salisbury

Auf „American Head“, dem neuen Album der Flaming Lips, macht sich Wayne Coyne Gedanken über seine Kindheit und Jugend. Der Bandchef ist 59, und wenn der Horizont näher rückt, schaut man schon mal auf die Strecke, die hinter einem liegt, und die Dinge, die berührten, die man mitgenommen und die man verloren hat.

Bei Coyne heißen Lieder daher „Mother, I’ve Taken LSD“, „At the Movies On Quaaludes“ oder auch „When We Die When We’re High“, und sie berichten von den Blumen des Neptuns, von glühenden Leuchtkäfern und Dinosauriern auf den Bergen. Der Anlass des Albums war der Tod Tom Pettys, der 2017 im Alter von 66 Jahren starb. Petty war der Inbegriff jenes gradlinigen, traditionell orientierten Powerpops, der seit den mittleren Siebzigern als Heartland-Rock die US-Jugend jener Tage prägte. Wie, fragte sich Coyne, hätte sich dessen Musik wohl angehört, wenn er nicht ins Fahrwasser des Mainstreamerfolgs, sondern in die Hände von Coynes drogenseligen älteren Brüdern und ihren Bikerfreunden geraten wäre, deren Lifestyle Coyne selbst immer ein wenig Angst machte? Und wenn also Pettys Musik entsprechend in einem vernebelten Underground hängengeblieben wäre?

The Flaming Lips haben Beatles- und Pink-Floyd-Klassiker nachgebaut

Das Szenario führt bei den Flaming Lips natürlich weder zu Tradition noch zu Schlichtheit. Die Band aus Oklahoma hat schließlich einen Ruf als dauerhaft schrägste Rockband der USA zu verteidigen – erarbeitet durch entschlossen aufgeblasene, knallbunte Songs, in denen schwerer Rock, orchestrales Pathos und melodischer Sixties-Pop auf zunehmend elektronische Beats und in den letzten anderthalb Jahrzehnten oft genug auch sehr frei drehende Geräusche trafen.

Neben den nunmehr 16 offiziellen Studioalben seit 1985 haben sie Beatles- und Pink-Floyd-Klassiker nachgebaut und mit allerlei nah- und fernliegenden „Heady Fwends“ komische Musik gemacht, mit Tame Impala und Yoko Ono, mit Erykah Badu und Miley Cyrus. Diesmal haben sie Kacey Musgraves ins Studio geladen, das Aushängeschild des Nouveau Country. Das passt zunächst in die Versuchsanordnung, Countryeinflüsse gehören zum Heartland-Rock. Nur: Mehr als ein Stichwort – und eine wunderbare Sängerin auf drei Titeln – gibt Musgraves nicht.

Die verdorbene Version von Tom Pettys Rock klingt nämlich genau wie die Flaming Lips, allerdings: Wie die Flaming Lips in der besten Songlaune seit 20 Jahren, als sie mit „The Soft Bulletin“ vom gitarrenlastigen Bandsound zu einer Art wagnerianischer Psychedelik fanden. „American Head“ verzichtet auf all die geräuschigen Experimente, Brüche und Skurrilitäten der letzten Jahre. Es steckt stattdessen voll bonbonfarben verhallter Lieder, oft auf der Basis von akustischen Gitarren und Klavier, die mit Mellotronorchestern, Trompeten, Elektrodunst himmlisch abheben, aber vor dem Verglühen im Kitsch durch einen entspannten Humor bewahrt werden. Wie immer spürt man die filterlose Offenheit für die Welt, einen zärtlichen Optimismus, der sich vom Blick in den unvermeidlichen Abgrund unserer Existenz nicht in die Knie zwingen lässt.

The Flaming Lips - American Head (Pias/ Bella Union/ Rough Trade)