Berlin - Ihr seid das tollste Publikum der Welt“, strahlt Wayne Coyne. „Jetzt denkt ihr natürlich“, ruft er von der Huxleys-Bühne am Höhepunkt des Konzerts der Flaming Lips, „das lügen sie doch alle daher. Aber es ist wahr: Kein Publikum lächelt und lacht soviel wie das Flaming-Lips-Publikum!“

Ja, wie auch nicht? Zwei Stunden lang hat Coyne am Dienstag mit den Lips unermüdlich glitzerndes Konfetti und viel Nebel ins Volk geblasen, hat gleich zu Beginn 50, 60 riesige Luftballons in die Menge geworfen, die das Konzert über auf und ab bouncten und platzten, während im Bühnenhintergrund lange Fäden mit winzigen LED-lichtern bonbonfarbene Girlanden und Op-Art-Muster rieselten.

"There Should Be Unicorns" auf einem mannshohen Stoffeinhorn

Er hat unter einem aufblasbaren Regenbogen gesungen und ist in einer großen, durchsichtigen Plastikkugel übers Publikum gekullert. Und er hat sich für den neuen Song „There Should Be Unicorns“ auf einem mannshohen Stoffeinhorn einmal rund um die Halle ziehen lassen. Es war eine herrliche, dayglo-bunte Feier, die sicher ein super Kindergeburtstag gewesen wäre, hätte die Inszenierung nicht ein kleines bisschen zu sehr nach LSD-Kitsch ausgesehen, hätten die Sounds der vielen Gitarren, Keyboards und Drums, aus denen Coynes karamellartige Stimme stieg, nicht so tonnenschwer geklungen. „Fuck Yeah Berlin“, wie ein mannshoch aufblasbarer, chromfarbener Schriftzug sagte, den die Band ins Volk warf.

Seit Mitte der Achtziger sind die Flaming Lips schon unterwegs. Sie haben sich in dieser Zeit von einer etwas punkig-brachialen psychedelischen Band zu einer theatralisch progrockigen psychedelischen Band entwickelt, die ihr künstlerisches Rahmenprogramm immer mehr verfeinert. Zumal Coyne, mit Steven Drozd der entscheidende Mann der Band aus Oklahoma, seine Mission durchaus im Gesamtkunstwerk sieht: „Ich habe keinen Filter“, hat er mir letzten Dezember erklärt, als er zum Interview über das neue, „ungefähr 26ste“ Album der Lips, „Oczy Mlody“, in Berlin war.

Overkill aus Farben, Formen und Gimmicks

„Bilder, Charaktere, Plots - ich kann problemlos und schnell von einem Song am Morgen zu einem Albumcover am Nachmittag wechseln und dann an einem Video für einen anderen Song arbeiten“ meinte er atemlos. „Als Twen hätte mich das irre gemacht. Aber heute kann ich gar nicht anders.“
Im Konzert musste ich zwischendurch an den letzten Auftritt von Coldplay denken, die 2015 im Olympiastadium einen überdimensionalen Overkill aus Farben, Formen und Gimmicks veranstalteten und dazu ihre hypereingängigen Songs auf die 80.000 Leute strömen ließen – mir schwanden fast die Sinne.

Die Flaming Lips hauen ihren knapp 2000 Leuten die Farben und die Musik nicht auf den Kopf. Sie dürfen zuschauen, wie zwei Helfer unter dem anfeuernden Gefuchtel Coynes – grade 56 geworden, und ein hübsches, zierliches, grauverwuscheltes Männchen – den albernen Regenbogen mit Luft füllen, bis Coyne drunter stehen kann; man schaut zu, wie sich Coyne in seine Blase fummelt, lächelnd über die Bühnenkante ins Publikum rollt, um gleichsam schwerelos eine berührende, echte Version von Bowies „Space Oddity“ singt.

Und natürlich ist es weniger wagnerianisch betäubend als vielmehr rührend und lustig albern, wenn er auf seinem Einhorn an einem vorbeirollt: Der Mann will niemanden überwältigen, sondern seine Leute glücklich machen – das hat ja auch bei Popstar Miley Cyrus geklappt, die sich zur allgemeinen Verwunderung ihrer und auch Coynes Fans gleichsam von ihm adoptieren ließ, ein gemeinsames Album („and Her Dead Petz“) einspielte und auch auf „Oczy Mlody“ einmal mitsingt.

Perfekte Balance aus großen Beach Boys-Harmonien, Pink Floyd und Black Sabbath

Sie hat aber offenbar auch umgekehrt die Band frisch belebt. Das neue Album jedenfalls gehört zu den besten der Flaming Lips-Karriere. Deren Höhepunkt, das sagten sie mit der Songauswahl gewissermaßen selbst, lag nämlich um die Jahrtausendwende, als sie mit „The Soft Bulletin“ und „Yoshimi Battles the Pink Robots“ die perfekte Balance aus großen Beach Boys-Harmonien, Pink Floyd und Black Sabbath fanden. Demgegenüber klangen die letzten zehn Jahre doch recht experimentell.

Für Fans wie mich gab es dabei genug schönste oder immerhin schön schreckliche Momente mit Leuten wie Yoko Ono, Tame Impala und Erykah Badu, auf einem Pink-Floyd-Coveralbum und mit „The Terror“ von 2013, worauf Coyne mit viel weißer Gischt und bösem Dräuen das Ende seiner langen Ehe verarbeitete. Dabei beeindruckt natürlich auch im Konzert, wie fantasievoll die Band (live sind sie zu siebt) mittlerweile auch krautrockige, hiphoppige oder anderswie elektronische Beats einstreuen können und sich an ulkigen, kaputten Synthiesounds freuen. „Die Arbeit mit Computern und Musiksoftware“, meinte Coyne im Gespräch enthusiastisch, „war das Punkrockigste was mir je passiert ist!“

Noch schöner ist allerdings, dass sie sich jetzt wieder auf ihre Popqualitäten besonnen haben mit einem Song wie „The Castle“ , der sich im Konzert nahtlos zu den größeren Hits gesellt. Darauf treffen sie einen ganz eigenen, schon melancholischen Ton, der aber zugleich mit einer enormen, bestürzenden Weite auch den Trost des leuchtenden Jetzt und Hier anbietet. „Ist Dir klar, dass alle, die Du kennst, eines Tages sterben werden?“ singt Coyne in der Zugabe „Do You Realize?“. Und schmachtet zum Abschied: „Ist Dir klar, dass Du das allerschönste Lächeln hast?“