Auf der Bühne steht ein U-Bahn-Waggon. Aus den Boxen: U-Bahn-Geräusche mit Orginalquietschton. Alles echt hier. Sitzt wer im Zug, wird mit dem Körper U-Bahn-mäßig gewackelt. Wird jemand von Leid gepackt: Tränen. Ist jemand verzweifelt: auch Tränen. Kommt die Angst: Augenzittern. Trinkt einer Kaffee: Dampfwölkchen. Der Trick dabei: Es ist zwar alles superecht, wird aber von einer Kamera auf die Großleinwand übertragen. Unten steht in einem Kabuff der Kaffee, oben auf der Leinwand dampft es. Unten der U-Bahn-Waggon, oben die Angstaugen in Übergröße. Unten das Theater, oben das Kino, beides live. Willkommen in der schönen neuen Scheinwelt.

Gefühle in Handschellen

Katie Mitchell, bekannt für ihre exorbitant teuren Arrangements, hat einmal mehr die Technik mit dem Theater vermählt. Eine Liebesheirat war das noch nie, will es auch nicht sein. Wir sollen ja nicht nur Bilder sehen und Gefühle haben, sondern das Verfertigen der Bilder und Gefühle mitverfolgen, auf dass unserem Fühlen und Führwahrhalten über den bewährten Umweg der Verfremdung aufgeholfen werde. Funktioniert aber nicht. Denn Mitchells Schnittstellen-Theater legt hier die Gedanken und Gefühle in Handschellen – und macht aus dem Zuschauer den stumpfen Abnehmer konfektionierter Kunsthandwerksware.

Das muss man nicht geißeln, der Tatort, noch immer der Deutschen liebstes Unterhaltungsprogramm, macht es nicht anders. Und unterhalten wird das Publikum an diesem gut achtzigminütigen Abend in der Schaubühne bestens: zum allseitigen Staunen über die technischen Fertigkeiten der filmenden und spielenden Bühnenmitarbeiter gesellt sich ein fein justierter Spannungsbogen, getragen von bewundernswert punktgenauen Schauspielern, Ruth Marie Kröger und Jenny König vor allem. Knisterstimmung im Parkett, man schätze es nicht gering.

Aber. Katie Mitchell will ja nicht nur flotte Spannungsschleifen vorführen, sondern ihr High-Tech-Theater erinnerungspolitisch zur Weltkriegsvergegenwärtigung umnutzen. Die Frau im Waggon ist Claire Haber, Enkelin von Clara Immerwahr und ihrem Gatten Fritz Haber, der das Chlorgas erfand, mit dem im Ersten Weltkrieg der Tod reiche Beute machte. Claire forscht, kurz vor dem Zweiten Weltkrieg, an einem Gegenmittel zu Chemiewaffen und erfährt, dass ihre Forschung eingestellt werden soll. Sie wird sich umbringen am Ende, wie sich Clara umgebracht hat, aus Protest gegen ihren Mann, der glaubte, mit Giftgas lasse sich der Krieg schneller beenden. Das ist der Erzählkniff dieses Abends: wie die Szenen zwischen Claires Not und Claras Protest hin- und herpendeln, wie die Geschichten parallelisiert werden, wie der Krieg der Männer zur Ohnmacht der Frauen wird. Passend dazu Off-Texte von Virginia Woolf, Hannah Arendt und Mary Borden, die dem Abend auch den Titel „Forbidden Zone“ lieh.

Eine Lieferung Intensität

Das ist ein starker Stoff, hervorragend geeignet, dem allseitigen und auffallenderweise vor allem von Männern betriebenen Erinnerungszirkus an den Ersten Weltkrieg etwas entgegenzusetzen: das Gedenken an zu Unrecht vergessene Frauen, die Konkretisierung von kriegstypischen Dilemmata. Das ständige Herumwurschteln der Kameramenschen, die dauernde Zurschaustellung technischen Vermögens, gepaart mit dem drolligen Naturalismus der Ausstattung und dem naiven Nachspielen von Emotionen verabschiedet die Geschichte allerdings ins Museum: schön anzuschauen, beruhigend weit weg. Als ob das Gestern lediglich dazu da sei, die Gefühle von heute mit Intensität zu beliefern – ich fühl’ mich so Geschichte.

Das fügt sich dann doch hervorragend in einen emsigen Erinnerungskulturbetrieb, der aus dem Krieg ästhetische Gewinne zu schlagen hofft. Noch besser passte dieser Abend übrigens zu den zuckrigen Salzburger Festspielen, wo er in diesem Sommer im Rahmen eines pompösen Erste-Weltkriegs-Theaterschwerpunkt zuerst herauskam. Georg Schmiedleitner hat dort Karl Kraus’ Monstertragödie „Die letzten Tage der Menschheit“ in eine Ansammlung von harmlosen G’schichtln verwandelt, Andreas Kriegenburg Ödön von Horváths Stationendrama „Don Juan kommt aus dem Krieg“ in ein bildtheaterrauschhaftes Schauermärchen. Früher nannte man dergleichen Verdrängung, das gekonnte Überpinseln der Schrecken mit Glanz und Glamour.

The Forbidden Zone, 30. 8., 1. 9., Schaubühne, Karten: 89 00 23.