Selbst ein Regionalsender rückt internationale Serien in sein Programm. Unter dem Motto „Serienrausch“ zeigt der WDR ab Mittwoch den britischen Spionage-Thriller „The Game“. Von der Wiederentdeckung eines Fernsehtradition sprechen der WDR-Redakteur Götz Schmedes und Gebhard Henke, Fernsehfilm-Chef des Senders: Nicht nur die abgeschlossene Episode, sondern der große erzählerische Bogen sei angesagt. Zum Beweis zeigt der WDR seit Montag noch eine eigene horizontal, sprich: durchgängig erzählte Serie „Meuchelbeck“. Die kann nicht nur montags, sondern im Netz auf einen Schlag angesehen werden.

In den vergangenen Jahren hatte der weltweite „Serienrausch“ das öffentlich-rechtliche Fernsehen nur in den Spartenkanälen und ZDFneo gestreift. Arte holte Serien wie die dänische „Borgen“, ZDFneo US-Serien wie „Mad Men“, „Girls“ und „Masters Of Sex“ nach Deutschland. Seit letzte Woche laufen hier neue Folgen der Serien „House of Lies“ und „The Knick“, während Arte vom Donnerstag an eine historische Serie wiederholt: die sieben Folgen der „Heimat“ von Edgar Reitz.

Um die Hauptprogramme ARD und ZDF hatte der „Serienrausch“ aber bislang einen Bogen gemacht. Die beiden Sender etablierten stattdessen eine schier unübersehbare Kette von regionalen Krimireihen und sonnten sich in den Quoten von „Tatort“, „Polizeiruf“, „Von Fall zu Fall“ oder „Ein starkes Team“.

Eine der wenigen Ausnahmen, die Stasi-Saga „Weissensee“, wurde völlig auseinander gerissen: Nachdem die ersten Folgen mit großen Erfolg schon vor fünf Jahren liefen, folgt in diesem Jahr endlich die dritte Staffel. Die sechs Folgen, die im Herbst 1989 spielen und besser ins vergangene Jubiläumsjahr gepasst hätten, werden Ende September in einem „Serienrausch“-Rhythmus gezeigt: An drei Tagen hintereinander läuft jeweils eine Doppelfolge.

Drogen-Thriller „Blochin“ im ZDF

Ähnliches passiert kurz zuvor im ZDF. Mit einer „Zeitenwende“ verbindet Produzentin Lisa Blumenberg die Produktion des Drogen-Thrillers „Blochin“ im ZDF, dessen fünf Folgen ab 25. September an drei Abenden hintereinander gezeigt werden. Als sie vor vier Jahren dem ZDF die Reihe mit starken horizontalen Linien vorgestellt hatte, schien es noch undenkbar, auf dem deutschen Markt eine durcherzählte Drama-Serie zu platzieren.

Redakteure und Programmplaner haben also umgedacht. Doch haben die deutschen Produzenten auch das Niveau, mit der Konkurrenz aus Amerika, England oder Skandinavien mitzuhalten? An die WDR-Serie „Meuchelbeck“ darf man schon aufgrund des Budgets keine allzu hohen Maßstäbe anlegen. Die als „Mystery“ angekündigte Serien vom Niederrhein bleibt ein betulicher Schmunzel-Krimi, wie ihn die ARD montags im Vorabendprogramm gern ausstrahlt – nur dass die Provinzpolizistin hier keine Morde aufklärt, sondern beharrlich ihrem aus Berlin zurück gekehrten Jugendfreund hinterher steigt.

Während das ruhige „Meuchelbeck“ das betonte Gegenstück zum rauschhaften Berlin sein will, favorisieren alle anderen deutschen Produzenten den Schauplatz Berlin. „Weissensee“ rekonstruiert diesmal nicht nur das Ostberlin der späten 1980er Jahre, sondern geht nach dem Mauerfall auch in den Westen der Stadt.

Der Mehrteiler punktet nicht nur mit Ausstattung, sondern mit seinen Schauspielern. Wie brillant Jörg Hartmann seinen diabolischen Stasi-Aufsteiger verkörpert, das hat internationale Qualität. Dagegen bleiben die Figuren des britischen Geheimdiensts im Sechsteiler „The Game“ blass. Etwa Tom Hughes als MI5-Agent, der eine getötete Geliebte rächen und sein Land anno 1971 gegen eine sowjetische Invasion verteidigen will und deshalb im weißen Hemd mit Schlips den bösen Russkis hinterher rennt.

Die ZDF-Serie „Blochin“ greift ein weltweites Thema auf: Der Kampf gegen die Drogen. Eine spektakuläre Vorgabe zeigt vom Freitag an der Streaming-Dienst Netflix, einer der Auslöser des Serienrausches. Mit der Serie „Narcos“ arbeitet der brasilianische Produzent und Regisseur Jose Padillha die rasante Ausbreitung der Drogenkartelle in Kolumbien seit den 1970er-ahren auf. Die Hauptrolle des Pablo Escobar spielt Wagner Moura, mit dem Padillha 2008 mit „Tropa de Elite“ den Goldenen Berlinale-Bären gewann – und der erst mal spanisch lernen musste. „Narcos“ verbindet die Spielszenen mit einer originellen Kommentierung und überzeugt auch dank seiner Originalschauplätze in Kolumbien und Florida.

Rauschhafter Thriller

In der ZDF-Serie „Blochin“ kommt das Rauschgift aus Afghanistan und auch wenn die Berliner Drogendealer im Vergleich mit Pablo Escobar kleine Fische sind, so gelingt Autor und Regisseur Matthias Glasner ein rauschhafter Thriller mit einem starken Jürgen Vogel in der Titelrolle. Der Schauplatz Berlin wird hier dichter und plastischer in Szene gesetzt als in jedem „Tatort“.

Drogen halten auch den Helden der HBO-Serie „The Knick“ aufrecht, die ZDFneo zeigt: Der Chirurg John Thackery kann nur im Opiumrausch operieren. Nicht nur Hauptdarsteller Clive Owen, sondern auch Regisseur Steven Soderbergh kannte man bisher aus dem Kino.

Die Serie spielt anno 1900 in New York und ist weitaus drastischer und blutiger inszeniert als herkömmliche Arztserien. Die Ansicht eines gescheiterten Kaiserschnitts erfordert starke Nerven. „The Knick“ fasziniert mit kinoreifer historischer Ausstattung und gewährt Einblicke in die Entwicklung der Medizin. Ähnliches soll eine ARD-Serie zeigen: Doch der Sechsteiler „Charité“, der in derselben Ära wie „The Knick“ spielen und ursprünglich in diesem Herbst ausgestrahlt werden sollte, steht erst vor Drehbeginn.