Berlin - Der Hollywood-Star Sean Penn zeigt in dem Thriller „The Gunman“ erstaunlich oft seinen nackten Oberkörper. Selbiger wirkt gut trainiert, muskulös, kein Gramm Fett. Ein erfreulicher Anblick, der dennoch irritiert, da er einem so häufig aufgenötigt wird. Warum nur? Sean Penn ist Jahrgang 1960 und hätte es gar nicht nötig, seine Fitness und Jugendlichkeit unter Beweis zu stellen – wo doch längst Spezialagenten jenseits der 60 und körperlich wie seelisch erheblich angeschlagenere Ermittler sowohl das Kino als auch das Fernsehen erobert haben.

Das Ganze muss andere Gründe haben. Vielleicht ist der Regisseur schuld? Der Franzose Pierre Morel, Jahrgang 1964, hat bei Macker-Filmen mit Jason Statham („The Transporter“) die Kamera geführt und bei dem extrem erfolgreichen Body-Count-Spektakel „96 Hours – Taken“ mit Liam Neeson die Regie. Apropos, wir können uns nicht daran erinnern, dass sich Liam Neeson je seines Unterhemds oder T-Shirts entledigt hätte, nur um Eindruck zu schinden durch seine Physis.

Doch Sean Penn zieht sich aus, und dabei verkörpert er – das Verb trifft es wirklich – in „The Gunman“ keinen Gigolo, der dauernd in Betten schlüpfen muss, sondern einen Scharfschützen und ehemaligen Söldner, der von seiner Vergangenheit eingeholt wird. Im Jahr 2006 herrscht im Kongo eine der inzwischen leider zahlreichen humanitären Katastrophen. Annie (Jasmine Trinca) leistet humanitäre Hilfe, indem sie die schwer verletzten und oft grausam verstümmelten Opfer von Rebellenübergriffen zu retten sucht in einem improvisierten OP-Zelt.

Teilweise lachhaft

Diesen selbstlosen Einsatz und Annies Schönheit bewundert Jim Terrier (Sean Penn), aber da ist er nicht der einzige. Auch Felix (Javier Bardem) begehrt Annie, und er verspricht, sich um sie zu kümmern, als Jim zum Einsatz gerufen wird. Die Wahl fällt auf ihn, als der Bergbauminister des Kongo erschossen werden soll. Danach muss Jim sang- und klanglos untertauchen.

Acht Jahre später sieht man den einstigen Killer im Dienst einer Wohltätigkeitsorganisation beim Bohren von Brunnen in Afrika; seine innere Wandlung zum Helfer hat der Film irgendwie verpasst. Wichtiger ist wohl, dass nun jemand Jim nach dem Leben trachtet und dabei alle fiesen Tricks auffährt. Wer will diesem wackeren Mann nach all den Jahren ans Leder, pardon Unterhemd? Und warum? Die weißen Stoffstücke, mit denen Jim die im Zuge der Selbstverteidigung erlittenen Wunden abdeckt, machen sich jedenfalls gut auf seiner gebräunten Haut.

Der Film basiert auf Jean-Patrick Manchettes Roman „La Position du tireur couché“ (deutsch: „Position: Anschlag liegend“). Schmerzlich ist es, einen so großartigen und differenzierten Schauspieler wie Sean Penn in diesem mittelmäßigen und teils sogar lachhaften Action-Thriller zu begleiten als Zuschauer. Weh tut es, die nicht allein schöne, sondern auch nuancenreiche Jasmine Trinca als Beigabe zu erleben.

„Egal was, aber ich muss was erschießen“

Javier Bardem schließlich muss einen gänzlich unsouveränen Part spielen als Annies Ehemann, der damit reich geworden ist, dass er einstige Ideale verraten hat. Dafür bestraft ihn der im Fall von Jim moralisch so flexible Film: Felix’ luxuriöse Sommerresidenz wird von gedungenen Mördern auf Jims Spur zerschossen, die auch gleich den Besitzer töten und zudem Annie wollen. Das macht Jim so richtig wütend: „Egal was, aber ich muss was erschießen“, sagt er.

Das ist bedauerlicherweise nicht ironisch gemeint. Nun sind Annie und Felix also wieder fast zusammen, wenn auch auf der Flucht. In „The Gunman“ gibt es Liebesszenen, Folterdramen, Fallen, Verrat und einen Hauch Kritik an der Geopolitik und Profitgier der Konzerne. Vor allem aber geht viel kaputt, am Ende auch ein argloser Stier im Zulauf zur großen Arena von Barcelona. Den besten Satz des Films richtet übrigens ein Freund an Jim: „Für einen, der diesen Scheiß nicht mehr machen will, ist deine Opferzahl ziemlich hoch.“

Fast vergaßen wir zu erwähnen, dass Jim eigentlich gar nicht so fit ist: In Schwindelanfällen und übermäßig aggressiven Ausbrüchen symptomatisiert sich ein lebensgefährliches Schädel-Hirn-Trauma, ausgelöst durch die zuvor in den Einsätzen erfahrene körperliche Gewalt. Da heißt es doch: Augen auf bei der Berufswahl!