Der auf Horror und Grusel spezialisierte Filmemacher Mike Flanagan lässt es nach dem großen Erfolg seiner Serie „Spuk in Hill House“ nun in „Bly Manor“ spuken. Die neun Episoden tragen eindeutig seine Handschrift und sind großes Kino, machen es dem Zuschauer aber nicht gerade leicht.

Der kanadische Regisseur David Cronenberg erklärte einmal in einem Interview zu seinem Horrorfilm „Die Fliege“: „Jede Liebesbeziehung endet tragisch. Einer stirbt. Oder beide sterben zusammen. Das ist tragisch.“ Mit dieser Aussage sind wir gleich im Kern von „Spuk in Bly Manor“, der neuen Gruselstaffel, die jetzt auf Netflix verfügbar ist. Die Serie beginnt am Vorabend einer Hochzeit. Ein Hochzeitsredner wirft die Frage auf, wie man angesichts des Todes überhaupt heiraten könne. Eine melancholisch schauende Frau mit langen grauen Haaren erzählt daraufhin einer kleinen Menschengruppe am Kamin eine Geistergeschichte.

Wir springen zurück ins Jahr 1987: Die junge Lehrerin Danielle Clayton (Victoria Pedretti) kommt aus den USA nach England und tritt die Stelle als Kindermädchen auf „Bly Manor“ an. Auf dem alten Herrensitz soll sie – beauftragt von deren Onkel Henry Winsworth (Henry Thomas) – die Waisenkinder Flora (Amelie Bea Smith) und Miles (Benjamin Evan Ainsworth) betreuen. Auf dem Anwesen arbeiten außerdem noch die Haushälterin Hannah (T’Nia Miller), der Koch Owen (Rahul Kohli) und die Gärtnerin Jamie (Amelia Eve).

Anders als man es von einer Spukserie erwarten würde, ist das Personal des Hauses keineswegs bedrohlich, ja nicht einmal besonders geheimnisvoll. Vielmehr gehen alle freundlich und warmherzig auf das neue Kindermädchen zu, auch die Kinder, die allerdings etwas überdreht und manchmal verstörend launenhaft wirken. Die Handlung schreitet gemächlich voran. Wer Gruselserien nach den jump-scares per minute beurteilt, dürfte nach zwei Folgen aussteigen.

Auch allen anderen macht es Flanagan nicht leicht, denn die Handlung wirkt zunehmend sprunghaft, verworren und vieles ergibt zunächst keinen Sinn. Es ist ein bisschen wie mit so manchem Prog-Rock-Album: Die Serie wirkt ambitioniert, handwerklich überragend, in einzelnen Passagen atemberaubend – aber sie rockt nicht. Ihre Wirkung entfaltet sich erst im Gesamten, in der Rückschau.

Bis dahin kann man sich jedoch von den großartig dargestellten Charakteren fesseln lassen. Vor allem Victoria Pedretti, die schon in „Spuk in Hill House“ als Nell brillierte, ist eine Wucht. Ihre Darstellung des traumatisierten, zugleich verstört-bedürftigen und tapfer-humorvollen Kindermädchens zeigt immer neue Facetten, während sie auf der Flucht vor der Vergangenheit sich selbst näherkommt und mit ihrem größten Glück ihr größtes Grauen findet. Aber auch die anderen Figuren gehen zu Herzen: die Gärtnerin Jamie mit ihrem nordenglischen Akzent und der warmherzig-hemdsärmeligen Art, die auf große Tiefe schließen lässt, die loyale, verträumte Hannah, der wir wünschen, mehr ins Leben zu treten, und der verantwortungsbewusste Owen, der das Kochen genauso ernst nimmt wie moralisches Verhalten.

Die Liebe erlöst und vernichtet uns

Es sind die Kinder, in denen sich etwas Böses zu manifestieren scheint. Offenbar stehen sie weiterhin in Verbindung mit dem früheren Kindermädchen Rebecca Jessel (Tahirah Sharif), das sich im See ertränkt hat, und mit Peter Quint (Oliver Jackson-Cohen), dem undurchsichtigen Gehilfen des Onkels, der seitdem verschwunden ist. Manchmal scheinen die Kinder sogar die Identitäten der beiden Erwachsenen anzunehmen. Bald glaubt Dani, Quint auf dem Anwesen zu sehen. Aber auch andere Gestalten – tot oder lebendig – lauern in den dunklen Korridoren von Bly Manor.

Während sich „Spuk in Hill House“ lose an der Romanvorlage „Spuk in Hill House“ (1959 von Shirley Jackson) orientiert, nutzt Flanagan bei „Spuk in Bly Manor“ die Henry-James-Novelle „Die Drehung der Schraube“ (1898) als Grundlage (und weitere James Storys, nach denen die Episoden auch jeweils benannt sind). Den Handlungsstrang um Quint und Jessel übernimmt er dabei recht originalgetreu.

Was er jedoch ausklammert, ist das Tabu weiblicher psychosexueller Übergriffigkeit gegenüber Minderjährigen, die das Kindermädchen in der Novelle und der großartigen Verfilmung von 1961 („The Innocents“) zu so einer doppelbödigen Figur macht. Flanagan brauchte eine sympathische Protagonistin, da er eigener Aussage nach eine Liebesgeschichte erzählen wollte. So ist „Spuk in Bly Manor“ eine bildgewaltige Reflexion über nicht gelebte Liebe, durch Traumata beeinträchtige Liebe und über den Verlust der Liebe durch Tod. Auch Eifersucht und Untreue, besitzergreifende Liebe und Abhängigkeit werden thematisiert. In der Vision Flanegans treiben wir als Lebende – und auch noch als Tote! – durch Erinnerungen, Wunsch- und Angstträume, verdammt zur Wiederholung, gefangen in Wiederholungsschleifen aus alten Verletzungen, Groll, Ängsten, ungelebtem Leben – bis uns die Liebe erlöst. Und vernichtet.

Das Gruselige sind am Ende nicht die Geister, deren zunehmend verblassende Gesichter im Verlauf der Serie eher künstlich als furchteinflößend wirken. Das Grauen entspringt vielmehr der menschlichen Situation selbst. Um diese philosophische Perspektive zu etablieren, setzt Flanagan teilweise auf ein recht verkopftes Erzählen, das es nicht immer leicht macht, ihm zu folgen.

Das Ende, das uns wieder an den Anfang bringt, enthüllt uns Identität und Motivation der Erzählerin, und wir ahnen: Kein Phantom ist so grauenhaft wie unsere nackte Existenz. Als die einzigen Tiere, die schmerzlich um ihren Tod wissen, mussten wir die Hoffnung erfinden, die Geschichten immerwährender Liebe, und damit ihren dunklen Zwilling: die Geistergeschichte.

„Spuk in Bly Manor“, Staffel 1, 9 Folgen, auf Netflix