Kunst macht da die größte Freude, wo man sie nicht erwartet: Samstagabend in der City West, Nürnberger Straße in Höhe der schmutzig-grauen Tiefgarage des Europa-Centers. Charlottenburg kehrt heim vom Einkauf, Sportwagen rasen aus der Garage, die Fahrer haben die Kragen ihre Polohemden hochgestellt.

Gegenüber ist die Nummer 68, ein fünfstöckiger Bau, nicht weniger hässlich als die Tiefgarage, funktional, teilverspiegelt. Früher trainierte hier ein Geldinstitut seine Mitarbeiter auf Effizienz, heute Abend stehen viele hundert Menschen davor, Hipster, Künstler, Fotografen. Die Schlange rückt kaum vorwärts, nur 200 Menschen dürfen das Gebäude gleichzeitig betreten.

„Berlinartbang“ prangt über der Menge an der Fassade, darüber Graffiti. Das Ganze nennt sich ein bisschen krumm „The Haus“, und darin befindet sich auf allen Etagen eine wahre Schatzkammer urbaner Street Art wie man sie so komprimiert in Berlin, wohl europaweit, noch nicht gesehen hat.

Kein Zentimeter der rund 10.000 Quadratmeter, der 100 Räume wurde in seinem Urzustand belassen. Das Ergebnis ist ein hochenergetischer und knallbunter Mix moderner Kunst, die von Installationen bis zur Objektmontage im Stile eines Edward Kienholz riecht. Klassische Sprayer-Wände mit Comics und Schriftzügen wechseln sich ab mit verspiegelten Kabinetten, in den sich der Betrachter verliert.

Es wurde gezeichnet und gemalt, gesprüht und geklebt. 170 Künstler der Straße haben sich hier zusammengefunden, was an sich schon außergewöhnlich ist, denn viele davon sind sich – wie es sich aus der Geschichte der Street Art heraus gehört – spinnefeind. Es sind Platzhirsche auf engem Territorium, die sonst Häuser wie dieses „taggen“, also mit ihren Initialen und Markenzeichen besprühen. Jetzt sind sie gemeinsam in diesem Haus und es funktioniert ohne Streit und Rivalitäten.

Fernab des Galerienbetriebs hat hier eine Gruppe zusammengefunden, deren Schaffen so aufregend nach Berlin schmeckt, wie man es gerade in der City West nicht mehr vermutet hätte. Hier brauchte es ein abrissreifes Haus, um zu zeigen, was Großstadtleben spannend macht: Vergänglichkeit, Frische und kein Galeristenplausch beim Gallery Weekend mit Verkaufsabsichten.

Verkauft wird ohnehin nichts, denn der Besitzer des Areals plant das Gebäude in zwei Monaten abzureißen. Samt der Kunst. Nichts wird konserviert, nichts gerettet. Die Initiatoren dieser Idee, das Sprayer Kollektiv „Die Dixons“ wissen, wie es funktioniert, wie man Aufmerksamkeit erhält und das man sie braucht in einer Stadt wie Berlin.

Dass die Vergänglichkeit von „The Haus“ einen großen Teil seines Reizes ausmacht und der Street Art wieder zu dem verhilft, was der Kunstbetrieb ihr genommen hat: dem Moment, der jede Sekunde vorüber sein kann, wenn die Putzkolonne anrückt, um Brandmauern und U-Bahn-Waggons zu säubern.

Wenn es die Künstler nicht mittlerweile selbst tun wie auf der Cuvry-Brache in Kreuzberg, wo der italienische Künstler Blu sein weltberühmtes Werk aus Protest gegen die Gentrifizierung selbst übermalt hat. „Die Abrissbirne kommt, das Gebäude wird entkernt“, sagte Kimo von Rekowski zu Beginn dieses Projekts vor acht Wochen dieser Zeitung. Jetzt ist es fertig, die Zeit läuft, fotografiert werden darf nicht. Am Ende wird es einen Bildband der Hausfotografen geben, der das Projekt dokumentieren soll und vor Ort verkauft wird, der Eintritt hingegen ist frei.

Die Besucher am Abend zuvor, der Voreröffnung für Freunde und Verwandte, wandern mit großen Augen und Entdeckerlust durch die Räume, betreten künstliche Landschaften und leuchtende Labyrinthe. Vieles von der Kunst lebt vom „Wow“-Effekt des ersten Eindrucks. Oberflächlich ist sie trotzdem nicht. Hinter jeder Tür empfängt den Betrachter eine andere Welt, eine Idee, eine Überraschung wie beispielsweise das Werk Mario Mankey – zwei gigantische Füße, die aus der Decke des Raumes ragen und breit auf dem Boden stehen, als ob sich ein Riese durchs Dach Zutritt verschafft hätte.

Auf einem der Füße sitzt Christopher Jahns und staunt über all die schrägen Ideen auf den fünf Stockwerken. Jahns ist er Gründer und Ideengeber der „XU University“, einer Hochschule für Führungskräfte.

Den fehlenden Berührungsängsten der Dixons hat er es zu verdanken, dass er hier in den kommenden acht Woche Menschen schulen kann, deren Alltag in der Regel nicht unterschiedlicher zu dem der hier ausstellenden Künstler sein könnte. Auch hier ist es die Trennschärfe, die beide Seiten genießen.

„Ich war selbst überrascht, aber wir waren uns prompt sympathisch und gerade dieser Ort hier ist ideal, um Menschen andere Blickwinkel zu zeigen, ihnen zu helfen, in ihrem Arbeitsleben Scheuklappen zu vermeiden“, so Jahns, der die Initiatoren auf einem Netzwerktreffen kennengelernt hat und hier in seiner Lederhose und seinen Turnschuhe auch nicht weiter auffällt. Vorbehalte von Seiten der Initiatoren von „The Haus“ hätte es nicht gegeben, heute beginnen seine Führungskräfte-Seminare im Erdgeschoss.

Miete für die beiden Monate zahlt niemand, der Investor Pandion hingegen dürfte noch recht lange von dieser Art Imagegewinn profitieren. Schicke Wohnhäuser sollen nach dem Abriss gebaut werden, die Kunst, die dann vielleicht in diesen Wohnungen hängt oder steht, wird sicherlich nicht gratis sein. Die in der Nürnberger Straße 68/69 ist es noch zwei Monate lang. Entgehen lassen sollte man sich einen Besuch auf keinen Fall.

The Haus, Nürnberger Straße 68/69. Di -So, 10 bis 20 Uhr. Führungen und Raumpläne unter www.thehaus.de