Berlin - Rauchende Colts und Indianer, die blutrünstig ihre Tomahawks schwingen, prägen gemeinhin das Bild vom sogenannten Wilden Westen. Durch unzählige Hollywood-Filme hat es sich verfestigt. Selbst die Wiedergeburt des Filmgenres im Spät-Western variiert mit der gebrochenen Figur des alternden oder gar versehrten Cowboys nur folgerichtig Stereotypen, wenn die Mühen der Eroberung riesiger Gebiete thematisiert werden.

Dabei gingen bei der Besiedelung der Neuen Welt prozentual die wenigsten Todesfälle auf ein gewaltsames Ableben durch Erschießen, Erschlagen oder Skalpieren zurück. Sehr viel häufiger war damals der Tod durch Erfrieren, Verhungern oder Krankheiten. Unbekannte und sich oft als unwirtlich erweisende Gegenden zu erschließen, verlangte einen hohen Preis von den Pionieren. Wer mehr darüber erfahren möchte, kann Zeitzeugenberichte zu Rate ziehen; nicht wenige Siedlerfrauen führten etwa Tagebuch, so Susan Shelby Magoffin („Down the Santa Fe Trail“). Und auch der große amerikanische Roman hat die unheroischen Seiten des Wilden Westens gewürdigt.

Mit den psychischen Erkrankungen, die während der Besiedelung auftraten, hat sich indes bisher kaum ein Regisseur befasst. Tommy Lee Jones tut es in seinem neuen Film, der im vergangenen Mai im Wettbewerb des Festivals von Cannes Premiere feierte. „The Homesman“ erzählt von Frauen, die irre wurden an den Härten des Lebens als Siedlerinnen, weil sie beispielsweise Kind um Kind begraben mussten oder einfach die Missernten, das Viehsterben und Kältewellen nicht mehr ertrugen. Drei solcher Frauen sollen nun aus der Einöde, in der ihre Farmen liegen, geholt und zurück in den zivilisierteren Osten gebracht werden, um sie dort einer karitativen Einrichtung der Kirche zu übergeben.

Mobiles Irrenhaus mit eigenem Pathos

Schließlich existierten neben der Gewalt, die natürlich durchaus herrschte an der „Frontier“, beachtliche philanthropische Aktivitäten. Der Drang, die Grenzen stetig nach Westen zu verschieben und sich dabei auch rechtsfrei zu bereichern, musste sich immer wieder abgleichen an der zivilisatorischen Bestrebung, eine den Zeitmaßstäben entsprechende christlich-humane Ordnung zu wahren. Auf diesem Fundament ist die US-amerikanische Gesellschaft letztlich gegründet, und dieses Nation Building liefert der Kunst anhaltend Stoff.

So auch diesem Film von Tommy Lee Jones. Seine Adaption eines Romans von Glendon Swarthout (auch Autor von „The Shootist“) ist in Nebraska um 1860 angesiedelt. Weil die Männer einer abgelegenen Gemeinde vor der Aufgabe zurückscheuen, erklärt sich die alleinstehende Farmerin Mary Bee Cuddy bereit, die drei in der Wildnis wahnsinnig gewordenen Frauen von deren Höfen abzuholen und per geschlossener Kutsche Richtung Osten zu fahren. Gerade wieder einmal wurde der Heiratsantrag abgelehnt, den Mary Bee einem Junggesellen machte aus pragmatischen Gründen. Sie ist eine gutherzige Frau, musisch und wohlhabend, aber eher herb und auch nicht mehr ganz jung.

Nun liegt eine fünfwöchige Reise mit drei unberechenbaren Gefährtinnen durch gefährliches Gebiet vor ihr. Dass sie unterwegs einen alten, nicht eben redlichen Cowboy vom Strick schneidet, gebietet schon ihr Überlebenswille – sie braucht einen Helfer. Und während sich Mary Bee (Hilary Swank) und der Filou George Briggs (Tommy Lee Jones) den beschwerlichen Weg durch Eiseskälte und Indianergebiet bahnen, entsteht sogar so etwas wie Verständnis zwischen ihnen.

Aber keine Beziehung. Im Bild des durch die Wildnis rollenden, mobilen Irrenhauses liegt ein ganz eigenes Pathos: Mary Bees Einsamkeit als Frau und die innere Verlorenheit ihrer drei irren „Gotteskinder“ in den Weiten des Wilden Westens dröhnen einen als Zuschauer ungeheuerlich an.

Klischees ja, aber auch unübliche Elemente

Vor neun Jahren hat der gebürtige Texaner Tommy Lee Jones, der bei San Antonio lebt, mit seinem Regiedebüt „Three Burials – Die drei Begräbnisse des Melquiades Estrada“ bereits eine tolle Geschichte aus dem amerikanischen Grenzland erzählt; dafür gab es den Darstellerpreis in Cannes sowie für Guillermo Arriaga die Auszeichnung für das Drehbuch. „The Homesman“ ist nun die zweite Regiearbeit von Tommy Lee Jones und auch im engeren Sinn ein Western – mit Lynchmob, Ureinwohnern, Kutschen und mit Outlaws, die die drei kranken Frauen als Sexsklavinnen für sich wollen.

Und doch ist dies ein unüblicher Western, indem er die unerhörten Anstrengungen der Frauen bei der Eroberung des Westens ehrt. Endlich gibt es wieder eine gute Rolle für Hilary Swank: Die hohe Figur ihrer Mary Bee steht in diesem Film für die unbedingte Verteidigung des Menschlichen noch in widrigsten Umständen und größter Not; auch dann, wenn niemand zusieht, der ein solches Verhalten schätzen könnte. Mary Bee bezahlt es fast mit dem Leben, als sie ein Grab in der Prärie wieder in Ordnung bringt, das von Plünderern geöffnet wurde.

Ein alter Haudegen und ein humanistisches Flintenweib auf einer quasi unmöglichen Mission: Berührend, dramatisch, aber auch hochkomisch ist „The Homesman“. Für den kurzen Schock der Vergeblichkeit mittendrin sollte man sich indes rüsten als Zuschauer.

The Homesman USA 2014. Regie: Tommy Lee Jones, Drehbuch: Tommy Lee Jones, Kieran Fitzgerald, Wesley Oliver, nach der Buchvorlage vonGlendon Swarthout, Kamera: Rodrigo Prieto, Darsteller: Tommy Lee Jones, Hilary Swank, Miranda Otto u. a.; 123 Minuten, Farbe. FSK ab 16.