Das pragmatische Geschäft der Politik – Mehrheitsbeschaffung, Wahlkampf, Lobbyarbeit, Netzwerkerei – nennt man in Amerika „politics“. Der Plural hat etwas Verwirrendes in einem Land wie dem unseren, das über das Staatslenken noch immer eher idealistische Vorstellungen hegt, wie sie an den jüngsten Beispielen Christian Wulff und Karl-Theodor zu Guttenberg deutlich wurden. Die Wendigkeit und Werterelativität, die in einem Wort wie „politics“ zu liegen scheint, ist uns fremd; auch deswegen ist uns die Kanzlerin wohl so unheimlich.

Nun ist George Clooneys neue Regiearbeit „The Ides of March“ ein Film über einen amerikanischen Wahlkampf und damit über „politics“. Das Drehbuch beschreibt ein großes Strategiespiel: Ständig wechseln hier die Koalitionen, ständig wechseln die Ziele. Wer eben noch mit drei gleichgesinnten Kollegen für die Nominierung eines Kandidaten kämpfte, steht plötzlich mit dem Rücken zur Wand und kämpft um das eigene Überleben. Hier musst du lügen, dort was versprechen. Obwohl diese Regeln vom Präsidentschaftskandidaten bis hinab zur Praktikantin für alle gelten und von allen virtuos gehandhabt werden, sind die Figuren dieses Films dennoch sehr unterschiedlich. Der alte Wahlkampfmanager Paul (Philip Seymour Hoffman) hält seinem Meisterschüler Stephen (Ryan Gosling) Vorträge über Loyalität, meint damit aber nicht die Treue zu einer politischen Idee, sondern nur die zum Auftraggeber. Der Präsidentschaftskandidat Mike Morris (George Clooney) versteht unter Loyalität persönliche Glaubwürdigkeit, die er als sein wichtigstes Pfund nicht aufs Spiel setzen darf. Loyalität ist gewissermaßen ein „tool“ aus dem Handwerkskasten der „politics“, die sich als Formalwissenschaft ohne inhaltliche Festlegung zur Durchsetzung beliebiger Ziele erweist.

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