Träumen wir einmal den schönen Gedanken, die Tsunami-Katastrophe des Jahres 2004, damals in Südostasien, hätte es nie gegeben. Kann man sich „The Impossible“ als einen Katastrophenfilm vorstellen, wie es ihn immer gegeben hat, nämlich als größtmögliche Mobilisierung aller audio-visueller Destruktionskapazitäten des Kinos zu keinem anderen Zweck als unseren Nervenkitzel? Man kann es nicht. Unser Verhältnis zu den Katastrophen hat sich verändert. Doch warum? Wie genau aus einem müde belächelten Genre der 1970er-Jahre etwas werden konnte, das sich so fürchterlich echt anfühlt und das Leiden von Menschen in einem globalen, den Rahmen des Kinos im Grunde sprengenden Gewissenskontext verortet – auf diese Frage gibt es keine leichte Antwort. Es kommen noch viele dazu, doch für die Dauer des Films ist das alles ziemlich egal.

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Denn da kommt schon das Grollen und dann die Welle, die jeden anderen Gedanken einfach wegreißt. Ein ganzes Touristenressort – schnorchelnde Urlauber, planschende Kinder an einem thailändischen Sonnentag – verschwindet in einer Schwarzblende. Ihr Inhalt ist so grauenhaft, dass Juan Antonio Bayona ihn uns zunächst nicht zumutet. Wo ist Familie Bennett, unsere Bezugsgruppe?

Die Mutter Maria (Naomi Watts) taucht als Erste auf, wie durch ein Wunder erblickt sie ihren Sohn, doch schon der Weg zueinander ist die Hölle. Denn zwischen ihnen fließen Bäume, Bretter, Äste im brackigen Strom; geborstenes Holz in jeder Form bis zum kleinsten Spliss kann wehtun, verletzen, töten. Die körperliche Tortur ist nicht vorbei, sie geht immer weiter und benebelt die Sinne – erst der Junge bemerkt den riesigen Hautfetzen, der der Mutter vom Bein hängt. Ob ihr Mann Henry (Ewan McGregor) und die weiteren zwei Kinder noch am Leben sind, ist zu diesem Zeitpunkt unklar.

Zeichen der Zerstörung

Das informierte Publikum freilich weiß vom Ausgang des Dramas und seiner Problematik: Von einer Katastrophe mit 230.000 Toten erzählt der spanische Regisseur Bayona aus der Perspektive einiger weniger, die überlebten. Eine spanische Familie, hier dargestellt von einer mutmaßlich britischen Familie, fand inmitten des Chaos tatsächlich wieder zueinander. Das ist die „wahre Geschichte“.

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Zur Wahrheit gehören aber auch die kommerziellen Aspekte eines solchen Films, der sich ohne glückliches Ende und weitere Anpassungen kaum finanzieren ließe. Der grundsätzliche Zweifel, dem Ereignis so gerecht werden zu können, klingt im Titel an. Bayona und seine Hauptdarstellerin Naomi Watts suchen aber noch einen künstlerischen Weg aus dem Dilemma: Jeder Glücksmoment, jeder noch so kleine Hoffnungsschimmer schlägt auf ihren Körper unbarmherzige Zeichen der Zerstörung.

Watts leidet, blutet und kotzt sich Bandwürmer aus dem Leib mit einer Drastik, dass man getrost von Body Horror sprechen kann. Wie sie da so aufgedunsen im Krankenbett hängt, scheint der Tod immer wieder die bessere Alternative. Beide, Filmemacher wie Schauspielerin, haben Erfahrung im Genre: Bayona gelang mit dem Edelhorrorfilm „Das Waisenhaus“ ein spektakuläres Debüt; Watts litt schon unter Michael Haneke im Remake „Funny Games“ und hat nun nach ihrer Oscar-Nominierung für „21 Gramm“ ihre zweite Chance. Gut möglich, dass sie gewinnt.

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Dunkle Flecken

Denn „The Impossible“ ist nach realistischer Einschätzung der wohl beste Film, der zur Seebebenkatastrophe in Thailand gemacht werden konnte. Vor allem in Großbritannien hat es Vorwürfe gegeben: Die Thais erscheinen als engelsgleiche Helfer in der Not, nie aber als Opfer. Was ist mit den 170.000 Toten in Indonesien? Von einer „Weißwäsche“ sprach der Guardian. Doch letztlich lautet der Vorwurf nur, dass das globale Gewissen seine dunklen Flecken behält und die Katastrophe im Film genau so aussieht wie damals in den Nachrichten. Sie tut das mit einer realistischen Intensität, die mehr schmerzt als alle bohrenden Fragen. Es ist einer der seltenen Fälle, in denen gute Absicht und handwerkliche Meisterschaft zusammenfallen.

Ob Bayona damit eine adäquate Form des Gedenkens gefunden hat, darf bezweifelt werden. Doch er vermittelt eine Vorstellung, mit der im Kino alles beginnt, und sie ist trotz manchem Kitsch noch immer kein Traum, sondern ein Albtraum.

The Impossible Spanien 2012. Regie: Juan Antonio Bayona, Buch: Sergio G. Sánchez, Kamera: Oscar Faura, Darsteller: Naomi Watts, Ewan McGregor u. a.; 113 Minuten, Farbe. FSK ab 12.

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