Immer ist da dieser Junge. Martin heißt er, und wo immer Steven Murphy (Colin Farrell) hinkommt, steht er schon da. Manchmal sind sie auch verabredet, führen merkwürdige Gespräche, offenbar auf vertrauter Basis, aber nicht auf gleicher Ebene.

Nichts scheint hier zu stimmen, keine Erklärung greift. Was verbindet Steven, den erfolgreichen Herzchirurgen und gestandenen Familienvater, mit dem leicht blasiert wirkenden Teenager? Warum schenkt er ihm eine teure Uhr? Will er ihn bestechen, bezirzen, loswerden? Wer hat hier Macht über wen?

Anders als die anderen

Das Kino des griechischen Filmemachers Yorgos Lanthimos nähert sich einem wie dieser Junge, fabelhaft undurchdringlich gespielt vom irischen Nachwuchsschauspieler Barry Keoghan. Es wirkt etwas seltsam, anders als die anderen. Es schaut einem nicht in die Augen, nuschelt manchmal etwas hochtrabend vor sich hin. Aber sobald man aufgegeben hat, seine Motive zu ergründen, hat es einen in den Klauen. Und dann folgt man seinen Regeln, egal wohin.

In „The Killing of a Sacred Deer“ werden keine Tiere getötet, anders als im Vorgänger „The Lobster“. Aber das waren ja auch Menschen – nur um die Verwirrung perfekt zu machen. Auch in seinem neuen Film beugt sich der Avantgardefilmer keinen Regeln, die er nicht selbst aufgestellt hat. Weshalb es auch verfehlt wäre, das Schuld- und Sühnedrama, als das es sich herausstellt, dem Mystery- oder Horrorgenre zuzuschreiben. Obwohl es sich exakt so anfühlt.

Ritualisiertes Eheleben

Es fängt damit an, wie diese Menschen reden. Ein monotoner Singsang übertüncht die Gefühle, so es sie überhaupt gibt. In Stevens Familie hat man da zunächst Zweifel. Das Eheleben mit Anna (Nicole Kidman) ist von Ritualen geprägt. Zum Verkehr legt sie sich aufs Bett wie zu einer Operation, oder auch: Obduktion.

Lustigerweise – und in der Tat ist das alles ziemlich komisch – wird es Tochter Kim genauso machen, als Martin auch zu ihr zarte Bande knüpft. Er wird sich dieser Familie bemächtigen, sie von innen heraus zersetzen aus Gründen, die man noch halbwegs logisch nennen kann. Wie er das macht, ist das größere Rätsel.

Mysteriöse Lähmungen

Beginnend mit Sohn Bob werden die Murphys einer nach dem anderen von einer Lähmung befallen, können die Beine nicht mehr bewegen, kriechen hilflos über den Boden, und das ist erst der Anfang. Eine medizinische Erklärung wird niemand finden, schon gar nicht Steven, der Arzt. Stattdessen wird deutlich, dass hier Kräfte wirken, die das Natürliche übersteigen. Ein Göttergericht ist über sie alle gekommen, in Gestalt eines Jungen mit schiefem Grinsen und einer merkwürdigen Art, Spaghetti zu essen.

Lanthimos behauptet, der Zusammenhang zur Iphigenie-Sage sei ihm erst während der Dreharbeiten aufgefallen. Iphigenie, das zur Nachhilfe, war die Tochter des Agamemnon, der den Göttern ein Opfer bringen sollte. Als alter Grieche hatte er gewiss einen Bart, genau wie Colin Farrell in seiner Rolle als Arzt, doch vor allem war er einer, der in seiner menschlichen Hybris zu weit gegangen war.

Durchdrungen von der Liebe zum Film

Von Zeit zu Zeit muss man die Götter besänftigen, auch wenn es schmerzt. Hier schmerzt es sehr, geradezu übermenschlich, doch wenn Lanthimos irgendeinen Mythos bedient, ist es der des Kinos.

„The Killing of a Sacred Deer“ mag kühl und distanziert wirken. Zugleich aber ist der Film durchdrungen von einer tiefen Liebe zum Medium und seinen Möglichkeiten: Extreme Ober- und Untersichten, verrückte Brennweiten, irritierende Geräusche – wir assoziieren heute mit Horror, was einmal schlicht Filmkunst war.

Griechisches Filmwunder

Aus subtil-offensichtlichen Anleihen bei Geistesverwandten wie Stanley Kubrick – trägt Nicole Kidman hier denselben BH wie in „Eyes Wide Shut“? – schöpft Lanthimos eine Atmosphäre des Unwirklichen, verheiligt diese mit strengen Chorälen von Bach oder Kubricks besonderem Liebling György Ligeti und findet so zu seiner ganz persönlichen Bildsprache, die er in Filmen wie „Alpen“, „Dogtooth“ und zuletzt „The Lobster“ längst perfektioniert hat.

Will man sie schwarzhumorig nennen, surrealistisch oder nicht doch zutiefst humanistisch? Jedenfalls ist es ein großes griechisches Filmwunder, das sich hier fortsetzt. Wenn man sich entscheiden müsste, wäre einem der letzte Film, in dem Menschen wählen mussten, in welches Tier sie am liebsten verwandelt würden, vermutlich noch ein bisschen lieber. Aber es gibt Fragen, die man unserer zarten Spezies nie zumuten dürfte. Wirklich niemals.

The Killing of a Sacred Deer Großbritannien/Irland 2017. Regie: Yorgos Lanthimos, Drehbuch: Yorgos Lanthimos, Efthymis Filippou, Darsteller: Nicole Kidman, Colin Farrell, Barry Keoghan; 121 Min., Farbe. FSK ab 16.