Schreibt sich den Kampf gegen den Konformismus auf den Leib: Scott Carlin (Pete Davidson) in „The King Of Staten Island“.
Foto: Universal Picture/Mary Cybulski

BerlinDer König gibt ein eigentümliches Bild ab. Der athletische Körper hängt schlaff vornüber, als habe er schlicht zu viel Zeit auf der Couch verbracht. Die langen Arme baumeln gelangweilt herunter und präsentieren, in Form von Tattoos, eine halbe Dekade amerikanischer Popkultur. Scott (Pete Davidson) ist dieser König, der vom Hals bis zum Knöchel Farben aus Nadelstichen und den dazugehörigen Schmerz gesammelt hat, der, wie er einem Kumpel erzählt, als er diesen tätowiert, überhaupt der eigentliche Zweck jedes Tattoos darstelle. Ein anderer Schmerz, den kein Nadelstich überdecken kann, begleitet Scott seit dem plötzlichen Tod seines Vaters, der als Feuerwehrmann bei einem Rettungseinsatz sein Leben ließ. Auf die Tragödie folgten Schulabbruch, Gelegenheitsjobs und lange, regelmäßige Besuche im Keller von Kumpel Oscar.

Trailer zu „The King Of Staten Island“.

Video: Youtube

In diesem Keller beginnt auch der Film. Im Hintergrund läuft eine DVD, im Vordergrund macht ein Joint die Runde. Ab und an klopft jemand ans Fenster, um etwas Gras oder ein paar Xanax zu kaufen. Was für Scott ein Refugium ist, ist für seine Familie ein wiederholtes, überdeutliches Zeichen: Scott kriegt sein Leben nicht geregelt. Die von ihm immer wieder vorgeschobene Idee, ein Tattoo-Restaurant zu eröffnen, ist weniger dümmliche Kiffer-Fantasie, als vielmehr eine einfach abspulbare Ausrede, die immer dann parat ist, wenn Scott vorgeworfen wird, er habe keine Zukunftspläne. Mutter Margie (Marisa Tomei) findet sich, nach kleinen Scharmützeln, regelmäßig mit der Ausrede ab. Auch um den sokratischen Methoden zu entgehen, mit denen der Sohn gegen den Konformismus ankämpft. Anders gesagt: Scott ist schlau und scharfzüngig genug (und dabei noch verdammt komisch), um diejenigen, die ihm eine Struktur nahelegen wollen, verbal durch den Dreck zu schleifen. Selbst ein harmloser Malkoffer, das Abschiedsgeschenk seiner Schwester Claire (Maude Apatow), die Staten Island für ihr College-Studium verlässt, löst bei Scott Abwehrreflexe aus.

Trotz allem hat sich die kleine Familie gut in diesem emotionalen Patt arrangiert. Bis Margie sich erneut in einen Feuerwehrmann verliebt. Der Konflikt zwischen Ray (Bill Burr) und Scott bildet den Hauptteil des Films. Der neue Freund gibt ein bisschen zu offensiv Lebensratschläge, Scott serviert ihm heißes, bespucktes Baguette; es wird gestichelt, beleidigt und gerangelt. Und doch liegt in der kindischen Zankerei ein seltsamer Respekt, der allein auf der Erinnerung an Scotts Vater fußt.

Judd Apatow kehrt mit „The King of Staten Island“ auf die Pfade zurück, die er seit mehr als 20 Jahren als Produzent und Regisseur betritt. Die inhaltliche Schablone ist gleich geblieben: Das Kind im Manne (und gelegentlich der Frau), das nicht erwachsen werden will, oder: die Endzwanziger, die sich ihrem Schicksal als Ehemann, spießiger Nachbar oder Vater ergeben müssen. Eine einfache, offenbar zeitlose Formel, die, von einem alt eingesessen Cast gestützt, immer wieder neue Comedy-Talente mit an Board bringt. Diesmal ist es der Saturday-Night-Life-Darsteller Pete Davidson, der hinter dem Who’s who der New Yorker Independentgrößen (Steve Buscemi, Pamela Adlon, Kevin Corrigan, etc.) den Newcomer gibt.

Davidson trägt etwas Neues, Persönliches auf die Apatow-Schablone auf. „The King of Staten Island“ basiert zu weiten Teilen auf seinem Leben, das eben nicht die bürgerliche Unbeschwertheit früherer Apatow-Komödien zeigt, sondern ein Kindheitstrauma und eine echte Depression. Davidson bringt ein unwiderstehliches, stets von Melancholie unterlaufenes Charisma aus seiner Vergangenheit in den Film ein. Seine Heimat, die „Müllinsel“ Staten Island, die das Proletariat New Yorks beherbergt, ersetzt die komfortablen, sozial gut abgesicherten Vorstädte, die Apatows Filme in der Bush-Ära bevölkert haben.

„The King of Staten Island“ wirft einen mit Marihuana-Dunst verhangenen Blick zurück auf diese Zeit, mäandert an der Seite von Scott den fünften Stadtteil New Yorks und das hier beheimatete Blue-Collar-Amerika entlang. Die traurige Gegenwart ist hier längst angekommen: Im Tattoo-Laden lassen sich die Vertreter der Alt-Right ihre Konföderierten-Flaggen tätowieren, Scotts Mutter reibt sich als eine in Doppelschichten besetzte Krankenschwester auf und die Kellner des italienischen Restaurants kämpfen nach Feierabend um ihr Trinkgeld. Vielleicht braucht dieses vergessene und abgehängte Amerika genau diesen verletzlichen und liebenswerten König. Auch wenn der seine Bestimmung noch nicht gefunden hat.

The King Of Staten Island USA 2020. Regie: Judd Apatow. Darsteller: Pete Davidson, Bel Powley u.a.; 136 Min., in Farbe, FSK ab 12.