Barack und Michelle Obama bei einem Auftritt der Obama Foundation.
Foto: AFP/Scott Olson

BerlinDie Stimmung in den Vereinigten Staaten war schon lange nicht mehr so angespannt wie in diesen Tagen. Die Proteste in Portland, 150.000 Corona-Tote, nach oben schnellende Mordzahlen, ein polternder Präsident, wachsende Arbeitslosigkeit – die USA gehen durch eine schwierige Zeit. Umso erfreulicher, dass es auch versöhnliche Stimmen gibt.

Gemeint ist Michelle Obama. Die ehemalige First Lady hat einen neuen Podcast beim Streaming-Portal Spotify gestartet, in der man ihr jede Woche lauschen kann. In den neun geplanten Folgen präsentiert sie jeweils einen Gast zu wechselnden Themen – von der persönlichen Lockdown-Erfahrung über die Ehe bis zum Kinderkriegen. In der ersten Folge trifft Michelle Obama auf ihren Ehemann, den Ex-Präsidenten Barack Obama, und bespricht die Herausforderungen an die amerikanische Gemeinschaft.

Bissig ist das nicht

Wer nun aber schrille politische Kommentare auf die Lage der Nation erwartet, dürfte enttäuscht sein. Obwohl Michelle Obama anfangs auf die „Black Lives Matter“-Proteste zu sprechen kommt, nutzt sie den Podcast nicht, um Stimmung zu machen. Ganz im Gegenteil: Der Tonfall ist ruhig, nüchtern, ausgeglichen. Balsam für Ohr und Seele. Andererseits darf man sich keine größeren Hoffnungen machen, dass man groß dazulernt. Die Obamas betreiben Arbeit am eigenen Mythos und präsentieren sich als Eheleute, die für Wandel einstehen. Michelle Obama fordert ein, sich auf solidarische Werte zu besinnen, anstatt auf Konsum und Karriere. 

In der ersten Folge des Michelle-Obama-Podcasts traf die ehemalige First Lady ihren Mann: Barack Obama.
Foto: Spotify

Sie nimmt sich selbst als Positiv-Beispiel und erzählt, wie sie sich hochgearbeitet hat vom Underdog zur Anwältin in einer großen Kanzlei. Doch der Erfolg und das Geld hätten sich leer und sinnlos angefühlt, also warf sie alles hin und begann sich in den Schwarzenvierteln von Chicago zu engagieren. Weniger Geld, dafür mehr Sinn im Leben und Gestaltungsspielraum – so könnte man ihren Lebenswege knapp zusammenfassen.

Michelle Obama entpuppt sich als Dialektikerin

Angesichts der Eskalationskurven in den USA wirkt so ein Einstieg schon arg biss- und kritiklos. Das Wort Trump fällt kein einziges Mal. Auch die Pandemie kommt nicht wirklich zur Sprache. Könnte man als Vorteil sehen, wenn da der Podcast nicht so wirkungslos verrauschen würde. Die erste Folge entpuppt sich als gutes Einschlafmittel für all jene, die wegen Trump, Covid-19 und Co. nachts kein Auge mehr zubekommen.

Zum Schluss des Podcasts wird es dann aber doch noch mal richtig interessant: Kurz vor Ende blickt Barack Obama in die Zukunft und zeigt sich als hoffnungsloser Optimist, der an den bedingungslosen Fortschritt glaubt. Michelle Obama, erst weniger optimistisch, lässt sich mitreißen und outet sich schließlich als Dialektikerin. Der Wandel sei im Gange. Dabei gehe es mal rauf und mal herunter, doch am Ende werde alles gut. Kommt einem bekannt vor, klingt nämlich nach Hegel. Vielleicht ist dieses Vertrauen in den alles richtenden Weltgeist der Grund, warum es den Obamas nicht gelang, mehr aus ihrer Präsidentschaft herauszuholen. In jener Zeit hätte man ja die Gelegenheit gehabt, den Wandel etwas beherzter anzustupsen.