Earl Stone liebt die flüchtigen Freuden. Auf kurze Distanz kann er enorm einnehmend sein. Er besitzt einen leichtfüßigen Charme; nie ist er um ein Kompliment für Fremde verlegen. Das Glanzstück unter den Züchtungen des hingebungsvollen Gärtners sind Tageslilien, die nicht viel länger blühen, als ein Drogenrausch dauert.

Seine Rolle in Beziehungen, die nachhaltig sein müssten, hat der 90-Jährige nicht gefunden. Wenn man so alt ist, zahlt man dafür den Preis. Seine Frau hat sich nach zehn Jahren von ihm scheiden lassen, seine Tochter spricht nicht mehr mit ihm, seit er ihre Hochzeit verpasst hat. Nur seine Enkeltochter hofft, dass er zu ihrer Verlobung kommen und für sie da sein wird. Und tatsächlich, diese Familienfeier versäumt er nicht. Seine Gärtnerei ist bankrott, ein Opfer des Internets, und der alte Mann weiß nicht, wohin er sonst gehen soll. Auch diesmal enttäuscht er seine Familie. Clint Eastwood, dessen Figuren sonst stolz auf ihrer Autarkie beharren, bleibt keine Wahl, als diesmal deren Scheitern einzugestehen.

Clint Eastwood lädt sein Publikum zur Komplizenschaft ein

Der Schauspieler, der inzwischen drei Synchronsprecher überlebt hat, ist ein Kind der Depressionszeit. Er weiß, welcher Riss durch eine Biografie geht, wenn das Zuhause von der Bank enteignet wird. Aber der Film beschert seiner Figur einen unverhofften Ausweg: Ein Gast auf der Verlobungsfeier schlägt ihm vor, lukrative Kurierfahrten zu übernehmen. Bald merkt Earl, dass er Kokain für ein mexikanisches Kartell transportieren soll. Das ficht ihn nicht an. Und sein Alter macht ihn so unverdächtig, dass die Drogenfahnder ihm erst ganz am Schluss auf die Schliche kommen.

Eastwoods jüngste Regiearbeit beruht, wie die vorangegangenen, auf einer wahren Geschichte. Anfangs erzählt „The Mule“ das so, als sei der amerikanische Traum intakt und ein gut erledigter Job schon tugendhaft genug. Natürlich beansprucht der Regisseur für seinen Helden keine moralische Autorität. Vielmehr lädt er sein Publikum zu einer Komplizenschaft ein, die nicht durchweg augenzwinkernd sein kann. Earl besitzt zwar Bauernschläue: Er weiß es geschickt zu nutzen, dass man einen alten Mann leicht unterschätzt. Aber er lässt sich allzu arglos auf einen Handel ein, der ihm gutes Geld einbringt, von dem auch seine entfremdete Familie und seine Nachbarschaft profitieren. Eine moralische Fallhöhe mag der Film für sein kriminelles Treiben nicht errichten.

Ideologische Widerhaken

Falls Nick Schenks Drehbuch das als einen Abstieg in die Hölle ausmalte, unterläuft Eastwoods Inszenierung dieses Vorhaben vergnügt. Es ist sein am hellsten ausgeleuchteter Film seit Menschengedenken. Earl lässt es sich gut gehen. Er hat Freude an der neugewonnenen Mobilität (die sich in der unauffälligen Agilität der Kameraführung spiegelt), er ändert seine Route um der landschaftlichen Abwechslung willen und sucht die besten Raststätten auf. Zweimal gar verwöhnen ihn Callgirls im Doppelpack. Dennoch bedarf er der Erlösung, die nur darin bestehen kann, sich mit seiner Familie auszusöhnen. Diese Sehnsucht ist die schönste Sorge des Films, der es nicht an Pathos gebricht, die aber im entscheidenden Moment – Earls Abschied von seiner sterbenden Exfrau – poetische Verbindlichkeit gewinnt.

Dieses romantische Bedauern, die bekümmerte Nostalgie nach dem Verlorenen besitzt in „The Mule“ ideologische Widerhaken. Das Amerika, das der Korea-Veteran Earl durchquert, hat sich verändert. Während Eastwood in seinen frühen Western die Vielgestaltigkeit seiner Landschaften feierte, muss seine Figur nun dessen soziale Diversität aushalten: Ruppige Biker entpuppen sich als selbstbewusste Lesben; die schwarze Mittelstandsfamilie, der er beim Reifenwechsel hilft, hört es nicht gern, wenn er sie Neger nennt; schließlich muss er den Anordnungen von Mexikanern folgen.

In „The Mule“ geht es um lauter vorletzte Dinge

Darin wiederholt Clint Eastwood gewissermaßen die Liste der Herausforderungen, die einst der Dienstplan seinem bigotten Dirty Harry zumutete. Earl nimmt diese Verwerfungen hin. Es ist nicht auszuschließen, dass er sie akzeptiert: Mit jener Toleranz, die in den USA schwer von Gleichgültigkeit zu unterscheiden ist. Die Wette, die Eastwood in seinen Film regelmäßig eingeht, beruht auf der Möglichkeit, dass ein Konservativer zu Einsicht fähig ist.

Earl ist anpassungsfähig, ein Opportunist in dem Sinne, dass er Gelegenheiten zu nutzen weiß. Eastwood hat – auch jenseits der Selbstironie – immensen Spaß an dieser Figur. Als Regisseur zieht er keine Summe seines Werks, sondern eher eine erwartungsvolle Zwischenbilanz. In „The Mule“ geht es um lauter vorletzte Dinge.

The Mule. USA 2018. Regie und Co-Produktion: Clint Eastwood; Drehbuch: Nick Schenk. Darsteller: Clint Eastwood, Bradley Cooper, Dianne Wiest und andere. Farbe, 116 Minuten. FSK: freigegeben ab 12 Jahren.