Matt Berninger entfaltet erstaunliches Charisma. 
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BerlinIn einem berühmten Aufsatz erklärte der amerikanische Kulturwissenschaftler Fredric Jameson einst die Herzbindung in der Popmusik als eine Art Bewusstseinsecho: Durch Wiederholung flechte sich ein Song „unmerklich in den existenziellen Stoff des eigenen Lebens, weshalb wir genau genommen uns selbst und den vergangenen Hörmomenten zuhören“. Die Liebe zu einem jeweiligen Song hängt also ebenso sehr an unserer Vertrautheit mit ihm wie am Stück selbst.

Wichtigkeit von Liebesliedern

Mit den Worten „Alles ist vergeben/ die Schwäne schwimmen wieder/ und ich werd’ es den anderen Geeks erklären“, beendeten am Dienstag The National ihren diesjährigen Auftritt in Berlin, den ersten von zwei ausverkauften in der Columbiahalle. Das heißt, die eigentliche Arbeit kam vom Publikum: Seit 2010 bringt die Band diesen Titel − „Vanderlyle Crybaby Geeks“ − zum Schluss, spielt aber nur mit akustischen Gitarren und ein paar Schellen mit, während das Publikum singt. Leidenschaftlich, text- und melodiesicher vergeben sich die dreieinhalb Tausend Leute dafür, dass sie das Konzert über Matt Berninger ins Gejammer über Beziehungen gefolgt sind und sich ihm hingegeben haben. Das ist okay und läutert, so das ungefähre Resümee des Songs und Abends, und am Ende richtet sich schon alles wieder.

Die innige Gefolgschaft, die sich auch im arg vollgepackten Saal zeigt, verwundert zunächst. The National spielen einen für sich ziemlich wohltemperierten Indierock, Berningers mittlerer Bariton ist keine große Stimme, und die Bandmitglieder sehen selbst aus wie die Geeks, denen man die Wichtigkeit von Liebesliedern erklären muss.

Ein Blick in das Trophäenregal von Bryce

Sie kennen sich seit der Jugend in Cinicinatti, Ohio. Als Band fanden sie sich 1999 in Brooklyn. Die Rhythmusgruppe bilden die Brüder Devendorf, Bryan an den Drums, Scott am Bass; die Kompositionsarbeit kommt wesentlich von den etwas zauseligen, hochbegabten Dessner-Zwillingen Aaron und Bryce, Multiinstrumentalisten, die in der Freizeit auch Festivals kuratieren, im Museum of Modern Art auftreten oder ein monumentales Grateful-Dead-Tribute ausrichten. Im Trophäenregal von Bryce steht ein Grammy für seine Kammermusik neben der Bandauszeichnung für das vorletzte Album „Sleep Well Beast“ von 2017.

Selten wird man von Songs direkt angesprungen; aber wie der eine oder andere gescheiterte Versuch mitzuklatschen unterstreicht, sind sie auf raffinierte und effektvolle Weise dynamisiert und arrangiert. Oft bemerkt man den Druck und das gleichsam innere Tempo der Stücke gar nicht, weil die Dessners geschickt die melodischen Bögen weiten, und auch in den eher balladischen Stücken jede Menge im Dickicht der Instrumente passiert. Mit gutem Grund stehen auf der Bühne zehn Leute, ein zweiter Drummer, zwei Bläser, die auch Synthiesounds können, sowie zwei Sängerinnen als helles Gewicht gegen Berningers dunklen Ton.

Dehnung und Erschöpfung

So sehr die Band als Band funktioniert so selbstverständlich steht Berninger im Zentrum. Mit der Aura eines sacht vernachlässigten Literaturdozenten, die Brille dick gerahmt, die Bewegungen eher latschend und schlenkernd, entfaltet der 48-Jährige ein erstaunliches Charisma. Er wirkt zunächst etwas distanziert, plaudert lakonisch über gefährliche Tequilamischungen oder lobt die Leute dafür, dass sie sich in der klaustrophobischen Umgebung nicht prügeln.

Aber er mischt sich munter ins Publikum und läuft einmal sogar singend über den Tresen der langen Bar am Hallenrand, wobei er den 1,90 großen Körper mehr oder weniger zusammenklappen muss. Seine eher schwere Körpersprache dehnt, ähnlich wie die Arrangements, die dichte Dynamik, aber die Spannung hinter der Beiläufigkeit erkennt man, wenn ihm in der Zugabe bei „Mr. November“ die Stimme schließlich erschöpft ausgeht.

„Wir haben lange gebraucht“, sagte er vor zwei Jahren im Interview, „um zu lernen, wie man kleine Songs auf große Weise spielt.“ 24 davon bringen sie im Konzert unter, knapp die Hälfte vom aktuellen achten Album „I’m Easy to Find“. Vielleicht ein paar zuviel, aber es überrascht dann doch, wie hoch die Zahl der Indiehymnen aus den letzten 14 Jahren ausfällt. Technisch erinnert das natürlich an Bands wie Radiohead oder Arcade Fire. Nächster Halt Stadion, sollte man meinen. Aber jedes Mal, wenn Berninger beim kleinen Publikumsbummel einer schiefen Stimme das Mikro zum Singen hinhält, spürt man wie nah sich die Leute den Stücken fühlen und fühlen wollen. Und wie sehr Berninger nicht nur seine Musik, sondern auch sich selbst in diese zwei schönen Hörerstunden verhakt.