Strokes-Sänger Julian Casablancas bei einem Auftritt 2011.
Foto: EPA/FREDRIK SANDBERG

Angeblich stammt der Albumtitel vom Gouverneur Kaliforniens. Julian Casablancas, Sänger der Band The Strokes, hörte den Politiker auf CNN von den Waldbränden als „The New Abnormal“ sprechen. Der Titel trifft auf seltsame Weise den   globalen Moment gut, da die ganze Welt pragmatisch oder apathisch das Soziale abgeschaltet hat. Das erinnert wiederum ein wenig daran, dass der jugendverschwendende Trotz des kaum zu überschätzenden Debüts „Is This It“ der Strokes von 2001 die New Yorker Coolness anmahnte, als man sie nach dem 11. September am meisten brauchte. Und das ganz ohne Absicht, denn die Platte war schon im April erschienen.

Das Cover zeigt ein Werk von Jean-Michel Basquiat aus dem Jahr 1981. 
fOTO. cult/rca/sony

Schamlos bei den Ahnen bedient 

Vor allem gelang es The Strokes mit einer Handvoll kurzer Songs voll hingenölten Gitarren, leptosomen Beats und nachtaktivem Überdruss nicht nur den erschlafften Rock   zu beleben; sie verschafften der Gitarrenmusik, zumal der New Yorker, mitten im elektronischen Boom einen unerwarteten neuen Frühling.

Dazu bedienten sie sich schamlos aus der Ahnenlinie des New Yorker Cool von Velvet Underground zu Richard Hell und Blondie, die sie jedoch nicht retrospektiv behandelten, sondern zur Essenz eines unbedingten „Jetzt“ einkochten.
Naturgemäß ließ sich das nicht wiederholen. Also entwickelten sie bis zu ihrem bis dato letzten Album von 2013 den Sound mit allerlei New-Wave-Tricks weiter, starteten mittelinteressante Soloprojekte, kamen mit Drogen und Alkohol nicht zurecht und verzankten sich.

Offizielles Video zum Song „At The Door“ der Strokes

Youtube

Was heißt es also, dass die erfolgreichen Familienväter um die vierzig nun so unerwartet wieder von der Idee einer nörgelnd begeisterten Gitarrenband begeistert zu sein scheinen? Dass Julian Casablancas den drängelnden und zugleich sehnsüchtigen Ton sehr ansteckend über die dünnen, melodischen Riffs und die nervösen Beats, dass die Arrangements entschlackt sind, und dass man öfter melancholische Gedanken zum Vergehen der Zeit und auch der vergangenen Zeit der Band hört, aufgeregt tickend im Opener „The Adults Are Talking“, schmerzlich zurückblickend im ausgehenden „Not the Same Anymore“?Es ist nicht fair, eine Band immer daran zu messen, dass sie einmal genau die Richtigen zur richtigen Zeit am richtigen Ort waren. Wie jüngst erst The Who spielen nun auch die Strokes ziemlich souverän mit dieser Tatsache, in Selbstzitaten, nostalgischen Momenten, im Albumcover mit einem Bild Jean-Michel Basquiats, des   New Yorker Popartisten der 80er. Nicht zuletzt jedoch durch die Wahl Rick Rubins als Produzent, dem zuverlässigsten Eigenblutdoper im Rockgeschäft.

Daher hört man   Gitarrenrock nach Art der Strokes, erwachsener vielleicht, aber unmachohaft desinteressiert daran, jemandem etwas zu beweisen. Sie begegnen der unerfreulichen Lage jeder alternden Legendenband – zu alt, um eine Jugend aufzurütteln, nicht alt genug für den Klassikerstatus – mit   Coolness.
Nur beweisen sie halt doch, wie sehr ihr Effekt an der unmittelbaren Zeitgenossenschaft hing. Das muss einem den Spaß nicht verderben. In diesem Sinn ist „The New Abnormal“ für Hörer wie Band eben ein recht privates Vergnügen. Wobei das ja auf kuriose und auch diesmal wieder unbeabsichtigte Weise gerade auch ein Zeichen der Zeit ist.

The Strokes: „The New Abnormal“

(Cult Records/RCA Records)