The Notwist
Foto: imago images / Roland Owsnitzki

Mit einem kleinen Scherz der Geschichte werden The Notwist zu ihrem 25-jährigen Bandbestehen von der Vergangenheit umarmt. Zumindest in den USA erscheint „Close to the Glass“, das siebte Album der filigranen Indietronikpioniere aus Weilheim, beim Seattler Label Sub Pop. In dieser legendären Schmiede des Grunge Rock kamen um 1989 die ersten Alben von Soundgarden, Mudhoney und Nirvana heraus. Auch Notwist debütierten damals mit einem krachigen, metal- und punkbeinflussten Rock, mit dem sie heute wohl ebenso vergangen wären wie das ganze Genre. Zum Glück aber hatte das Quartett um die Brüder Markus und Micha Acher schon in den Neunzigern keine Lust, in der Rocknische zu versauern. Wie übrigens auch Sub Pop nicht, wo heute Neo-Folkies wie die Fleet Foxes und Indietroniker der zweiten Generation wie Beach House und Washed Out zu Hause sind.

The Notwist lockerten zunächst postrockig ihre Strukturen und öffneten sich 1997 mit den Computern von Martin Gretschmann einem weiten, elektronisch gepufferten Indiepop, mit einem Klangbild, das ebenso unverwechselbar und weltgültig klingt wie jenes von deutschen Ur-Internationalen wie Can und Kraftwerk. „Close to the Glass“ fällt elektronischer aus als bisher, aber auch eingängiger und gelassener als zuletzt. Das Album nimmt es mühelos mit allen Arbeiten seit ihrem Meisterwerk „Neon Golden“ von 2002 auf – also mit dem sechs Jahre alten „The Devil, You + Me“.

Sechs Jahre zwischen den Produktionen hört sich nach einer langen Zeit an. Andererseits komponierte die Band zwischendurch die Soundtracks für Hans-Christian Schmids Filme „Sturm“ und „Was bleibt“. Zudem spielen die vier – neben Gretschmann und den Achers ist seit 2007 Andi Haberl am Schlagzeug dabei – noch in diversen anderen Projekten: im Tied+Tickled-Trio, bei Lali Puna, 13&God oder Gretschmann solo unter dem Namen Console; hier werden die Jazz-, Dub-, HipHop- und Elektroaspekte des Notwistschaffens in unterschiedlichen Freiheitsgraden untersucht.

Arbeit mit digitalen Fehlgeräuschen

Entsprechend selbstverständlich erkennt man diese Ansätze in den neuen Songs. Sie scheinen allerdings nicht so sehr in Stilanleihen, als vom Verfahren her einzufließen, erkennbar an der jazzigen Gruppendynamik, dem räumlichen Sinn und der Freude an digitalen Fehlgeräuschen. The Notwist klingen zugleich luftig, locker, lose und nerdig vertüftelt, ja gefrickelt, wobei das ohnehin schwammige Etikett der Indietronica nur einen ungefähren Anhaltspunkt gibt. Gut hörbar gründet auch ihre neue Musik im Postrock der verspielten und zitatfrohen Neunziger, als Bands wie Tortoise den Song zum Track hin auflösten, mit monotonen Krautrockrhythmen, filmmusikalischen Stimmungen, abstrakten Geräuschen und zerfallenden Dub- und Jazzexperimenten. Seltsam lakonisch fassen Notwist hier mit einem tollen Instrumental all diese Motive noch einmal zusammen und lassen sie zugleich knapp neun Minuten lang in eine zärtlich bröslige, spacige Wehmut davontuckern.

Dabei halten sie sich von allen jüngeren Trends fern. Sie schauen noch nicht einmal dann auf die Dancefloors, wenn sie in „Run Run Run“ für ihre knirschenden Beats einmal einen knispligen, graden Technorhythmus andenken; sie driften nicht ins haltlose Rauschen der Frickelpsychedeliker im Neo-Dreampop ab, und sie lassen sich weder von Loopmaximalismus noch abstraktem Zerfall beeindrucken. Diese ungerührte Gegenwartsferne – die natürlich auch der gemächliche Veröffentlichungsrhythmus unterstreicht – macht einen nicht geringen Teil ihres Reizes aus. Den größeren Teil bestimmt jedoch die Entschlossenheit, mit der sie auf unaufdringlich melancholische Melodik bauen, und die Sorgfalt, mit der sie eigentlich widerstrebende bis disparate Tendenzen zusammenbringen. Sie öffnen raffiniert die Räume, aber verknüpfen die Ecken so, dass die Musik nie statisch wirkt, sondern immer dynamisch bleibt.

So beginnt das Album mit einem schiefen, sparsamen Bliep-, Klopf-und Knirsch-Rhythmus, über dem die angenehm helle, eher dünne, fast nicht-singende Stimme Markus Achers schwebt. Später brummt weit unten noch ein Subbass dazu, und es entsteht eine Art Downbeat, der mit Quietschen, Schrillen und Schrengeln eine Verdichtung nur antäuscht, bevor er sich verspielt in den Einzelgeräuschen verliert. Das zweite Stück hoppelt, fast allein von einem aufgeregt beulenden Globaldiscobass und Kopfhoch-Claps betrieben, daher und wirkt trotzdem wie ein ausgereiftes Indielied. Ein solches wiederum gibt es mit federleicht möhrenden Gitarren im Vordergrund und etwas fiesem Georgel dahinter auf der Single „Kong“, bevor auf „Into Another Tune“ ein Philip-Glass-Arpeggio repetitiv zuckt, das von Achers schwebendem Ton weniger kontrastiert als vielmehr beruhigt wird. Und wie als Reminiszenz an ihre früheste Vergangenheit schalten sie für „7-Hour Drive“ auf derart souveräne Weise den Grungestaubsauger ein, dass man schön daran erinnert wird, warum der Gitarrenlärm aus Seattle einst so zwingend wirkte.

In einem Interview zu „Close to the Glass“ weigert sich Markus Acher, das Silberjubiläum seiner Band besonders zu feiern. Solche Festivitäten erinnerten zu sehr an Stillstand. Das klingt angesichts der schicken Beweglichkeit ihres Sounds ein bisschen abergläubisch. Muss man aber respektieren. Uns Hörer jedoch sollte das natürlich nicht davon abhalten, die Band für dieses ganz bezaubernde, kluge, zärtliche, dynamische, vielschichtige und elegante Album zu feiern.

The Notwist: Close to the Glass (City Slang/Universal); Konzerte in Berlin: 26. Februar, Heimathafen Neukölln (ausverkauft) + 25. Mai, C-Club + 26. Mai, C-Club (ausverkauft)