„The Past“ in der Schaubühne Berlin: Die Mutter mit der weißen Fahne

Nicht schon wieder, denkt man, als, gleich nach zwei virtuosen Soli, einer der Akteure in Constanza Macras neuem Stück „The Past“ zu dozieren beginnt. Seit einigen Jahren schon hat sich die Choreografin angewöhnt in ihren Arbeiten Versatzstücke theoretischer Texte vortragen zu lassen. Um Erinnerung geht es dieses Mal. Aber es wird schnell konkreter.

Die in Berlin lebende, aus Argentinien kommende Choreografin hat Menschen interviewt, die in Dresden die vier großen Luftangriffe zwischen dem 13. und 15. Februar 1945 als Kinder und Jugendliche miterlebt haben. Und bald schaut man in der Schaubühne atemlos zu, wie all die hochtrabenden Diskurse über die Kunst des Erinnerns wild wuchernde Fäden spinnen. Fäden, die geschickt und subtil zum Eigentlichen führen: Dazu, Erinnerung lebendig werden zu lassen an Ereignisse, die eigentlich nicht darstellbar sind.

Macras ist frei von allen Sentimentalitäten. Verspielt und schräg nähert sich die Inszenierung ihrem Thema an. Da hört man die Darsteller als nölende Ostler sich über die Nachwende-Übergriffe der Wessis beschweren, als wäre es erst gestern gewesen. Über das abgebaute Lenin-Denkmal in Friedrichshain etwa, das erst vor einigen Wochen wieder für heftige Diskussionen sorgte. Über die Zugewanderten, die die soziale Infrastruktur ganzer Ostberliner Bezirke zerstört haben. Surreale Gestalten, bizarr in alte Kleider gehüllt, watscheln über die Bühne: ein kleines Kugelmonster, dass sich in Mutters geblümtes Kleid eingerollt hat; eine übergroße, kopflose Figur mit im Bügel schwebendem Jackett; Siamesische Zwillinge, die zu zweit in Rock und Mantel stecken und im Gleichschritt laufen. Virtuose Urban-Dance-Einlagen werden getanzt. Ein Filmset wird aufgebaut.

Wunderbar wie Fernanda Farah das billige Starlett im engen Kleidchen gibt, das mit durchgedrücktem Knie und rausgestreckter Brust so auf ihren Körper konzentriert ist, dass für ihr Denken scheinbar nichts übrig bleibt. Dann übernimmt eine andere, das an der Seite stehende Double Miki Shoji in gleicher Kleidung. Das Verwechslungsspiel hört nicht mehr auf. Bis sich alles ineinander schiebt und nur noch die Ahnung einer Spur bleibt, wer wann in welcher Situation welchen Part übernommen hatte.

„Die räumliche Ordnung“, so erklärt uns Luc Guiol, der Conférencier des Abends, „ist das Kernstück der Mnemotechnik.“ Und erzählt, während er sich durch das mehrere Wohnebenen verschachtelnde Bühnengerüst von Laura Gamberg und Chika Takabayashi hangelt, die Geschichte vom antiken Dichter Simonides: Das Haus war über der Festtafel eingestürzt, die Leichen nicht mehr identifizierbar. Aber dank der räumlichen Erinnerung von Simonides konnte man rekonstruieren, wer welche Person gewesen war.

Dieser Abend ist klug und subtil und gleichzeitig direkt und roh.

Eingestreut sind immer wieder Erinnerungssplitter der Dresdener Zeitzeuginnen. Die Darstellerinnen haben auf einmal die Haare hochgesteckt, laufen in Vierziger-Jahre-Kleidung über die Bühne, als Trümmerfrauen, dann in Kinderkleidung. Johanna Lemke vollführt mit nur einem Rollschuh rasante, virtuos verstolperte Pirouetten. In einer düsteren Szene, da geht die Aufführung schon ihrem großen Ende entgegen, alle tragen Horror-Masken, als befänden sie sich in einem Albtraum, der Rollschuh ist abgerissen. Schließlich kommen alle zum großen Konzert zusammen. Eine Stuhlreihe, eine Dirigentin. Dicke, kurze Blockflöten werden hervorgeholt. Vom Alarm wurde schon vorher erzählt. Wie die Mutter beim Bombenalarm die Kinder hinausbringt und noch Sachen aus dem Haus holen will. Wie die Flugzeuge schon kommen, und die Kinder auf den Dachboden gehen wollen, um sie fliegen zu sehen. Wie es kracht, als sie auf der Treppe stehen. Jetzt piept und pfeift es. Chaos bricht aus. All die Kostüme, die großbürgerliche Abendgarderobe aus der guten Zeit, kommen noch einmal ins Spiel.

Mit „The Past“ schließt Constanza Macras ihre beiden großen Themen miteinander kurz. Das Thema Kindheitserinnerung, mit dem sie 2003 bei „Back to the Present“ und dann bei dem mit Neuköllner Kindern erarbeiteten „Scratch Neukölln“ zu ihrer künstlerischen Form fand. Und das Thema Stadt, mit dem sie sich seit sieben Jahren, seit „Brickland“, ihrem Stück über Gated Communities, auseinandersetzt. In „The Past“ kommt beides auf eine berührende Weise zusammen. Weil es den Schmerz und den Schrecken unter den die Zeitschichten hervorholt. Klug und subtil einerseits, gleichzeitig direkt und roh, ohne falsches Pathos und Sentiment. Mit Musik von Oskar Binachi, die sich einfräst.

Anna Mondini erzählt von der Mutter und der Nachbarin, die den Russen mit weißer Fahne entgegen liefen und Johanna Lemke echot ihre Sätze wie eine Nachrichtensprecherin. Nile Koetting stellt sich im flatternden Rock mit seinen bizarr langen Gliedmaßen einer Windmaschine entgegen. Emil Bordàs, Felix Saalmann und Louis Becker federn wie Flummis. Es sind die Frauen, die erzählen. Diejenigen, die noch leben.

The Past 29., 30. November, 1. Dezember 2014, 20 Uhr, Schaubühne, Karten unter 890023.