Zweckgemeinschaft der Außenseiter: Zachary Gottsagen und Dakota Johnson
Foto: Tobisfilm

BerlinZak träumt davon, seinen großen Helden, den Wrestler Salt Water Redneck, zu treffen und sich von ihm tolle Kniffe wie den legendären Atomic Throw beibringen zu lassen. Zak kennt Salt Water Redneck von einem Werbevideo, wieder und wieder hat Zak es schon abgespielt, derart oft, dass sie sogar die vergesslichen Greise und Greisinnen um ihn her auswendig können und nicht mehr sehen wollen. Denn Zak lebt, obwohl erst 22 ist, in einem Altenheim. Zak ist – in seinen eigenen Worten – eine Down-Syndrom-Person. 

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Das bedeutet, dass er in den Augen seiner Umgebung gehandicapt ist. Manches fällt ihm schwer, anderes ist ihm nicht möglich, kurz: er unterscheidet sich. Von wem? Von den meisten. Von jenen, die, weil sie in der Mehrzahl sind und den Durchschnitt bilden, die Norm vorgeben. Von denen sich der Begriff des „Normalen“ ableitet, dem Zak schon rein physiognomisch nicht genügt.

Der Anstalt entkommen

Was aber der Grund dafür war, dass seine Familie sich nicht um ihn kümmern konnte oder wollte, erfahren wir nicht. Weil sich in keiner anderen Pflegeeinrichtung ein Platz für ihn fand, landete Zak in einem Altenheim, in dem die Förderung gleich Null und die Langeweile groß ist.  Zu Beginn des Films ist Zak verzweifelt bemüht, dieser Anstalt zu entkommen, während andernorts Tyler, der gleichfalls durch die gesellschaftlichen Raster gefallen ist, erfolgreich seine bisherige Existenz als Krabbenfischer in Flammen aufgehen lässt und sich auf der Flucht vor erzürnten Ex-Kollegen wiederfindet. Wir wären nicht im US-amerikanischen Kino, wenn sich daraus nicht eine wunderbare Begegnung stricken ließe.

Alsbald gesellt sich die fesche Altenpflegerin Eleanor zu den Outlaws, deren Auftrag eigentlich lautet, Zak zurückzubringen. Dann aber hat sie ein Einsehen; auch der vormalige Krabbenfischer wirkt mit einem Male doch recht ansehnlich. Also macht man sich gemeinsam auf den Weg, entlang des Pamlicosunds an der Atlantikküste North Carolinas hin zu Salt Water Rednecks Wrestlingschule in Florida.

Alles nicht wirklich weltbewegend, wäre da nicht Zachary Gottsagen in der Rolle Zaks, der die sich mit diesem Film bietende Gelegenheit beim Schopf ergreift und es den sogenannten „Normalen“ mal so richtig zeigt. Genauer gesagt zeigt Gottsagen nur, was er so drauf hat und macht damit neben seinen Mitspielern und Mitspielerinnen – unter anderem Shia LaBeouf, Dakota Johnson, Bruce Dern und Thomas Haden Church – keine schlechte Figur.

Es geht um Anerkennung und Teilhabe

Klar, die Geschichte wurde ihm von den Drehbuchautoren und Regiedebütanten Tyler Nilson und Michael Schwartz auf den Leib geschrieben und bewegt sich nah an Gottsagens Träumen und Wünschen, Interessen und Hobbys. Um oscarreife Schauspielerei geht bei „The Peanut Butter Falcon“ ohnehin nicht.

Wovon der Film vielmehr spricht, ist Anerkennung und Teilhabe. Inklusion also – und die schaut hier vor allem auch deswegen schon mal ganz gut aus, weil sie weder reine Absichtserklärung ist noch auf der Ebene des Gutgemeinten steckenbleibt. Stattdessen vermittelt das ganze Unterfangen das aufrichtige Bemühen aller Beteiligten um Gemeinsamkeit, Respekt und Toleranz.

Wohlfeile Klischees sind nicht in Sicht, den Fallstricken der Sentimentalität weicht man gekonnt aus, Kitsch kommt im inszenatorischen Vokabular gar nicht erst vor und einen gönnerhaften oder gar herablassenden Gestus lässt sich auch niemand zuschulden kommen.

Insofern dieser freundliche Abenteuerfilm all die Fettnäpfchen und potenziellen Peinlichkeiten vermeidet, mit denen die Normalen  gerne ihre Vorurteilslosigkeit unter Beweis stellen, folgt man ihm umso lieber auf seinen Wegen durch die Lagune. „The Peanut Butter Falcon“ ist ein Roadmovie, das landschaftsbedingt überwiegend auf dem Wasser spielt und sich dabei die spezifische Atmosphäre der Südstaaten zunutze macht.

In der schwülen Hitze der Sümpfe werden Hektik und Stress nach Möglichkeit vermieden, die Roadmovie-typische Entwicklung vollzieht sich demnach eher gemächlichen Tempos und weicht übertriebenen Aufregungen aus. Was wiederum den etwas verträumten Charakter der Erzählung insgesamt unterstreicht und eine tiefenentspannte Grundgelassenheit etabliert.

Diese schafft nicht nur den Darstellern einen Freiraum für Spontaneität und Improvisation, sie hilft auch dem Publikum bei der Überwindung der ein oder anderen dramaturgischen Holprigkeit und narrativen Ungereimtheit.

Ein modernes Märchen

Letztlich ist der Film ein modernes Märchen, das jene Grenzen aufzeigt, die seinen Sprung in die Wirklichkeit verhindern. Dabei wäre es doch höchste Zeit für Helden wie den „Peanut Butter Falcon“, der sich, ein wenig furchtsam zwar, doch unbedingt zuversichtlich, den Herausforderungen des Lebens stellt.

In der deutschen Fassung wird Zachary Gottsagen von Jonas Sippel synchronisiert, Ensemble-Mitglied des Berliner RambaZamba Theaters und selbst, wie Zak sagen würde, eine „Down-Syndrom-Person“.

The Peanut Butter Falcon USA 2019. Regie, Drehbuch: Tyler Nilson, Michael Schwartz, Kamera: Nigel Bluck, Musik: Zachary Dawes, Noam Pikelny, Jonathan Sadoff, Gabe Witcher, Darsteller: Zachary Gottsagen, Shia LaBeouf, Dakota Johnson u.a., 93 Minuten, Farbe. FSK: ab 6